From a Trend Down Under
Partizipative Online-Kulturen gegen die da oben
Strippenzieher, Weltverschwörer, Meinungswächter
Partizipation ist ein Versprechen moderner Demokratien. Sich an Machtausübung und Meinungsbildung zu beteiligen, diese Möglichkeit bekam mit der Digitalisierung und der weitgehend unbegrenzten Freiheit, eigene Inhalte zu veröffentlichen, eine ganz neue Dimension. Samt Schattenseiten. Denn die partizipative Struktur, die das Netz bereitstellt, wirkt heute ganz anders auf den politischen Prozess. Da jede Äußerung nun vor dem Auge einer globalen Öffentlichkeit stattfindet, kann man Konflikten gar nicht mehr ausweichen. Ob man will oder nicht: Wir alle sind Teil des digitalen Kräftemessens.
Auch Prozesse der Politisierung und Radikalisierung finden nun partizipativer statt. Es ist nicht nötig, sich einer Gruppe oder Organisation anzuschließen; Schwarmdynamiken sind heute zum Mitmachen da. Immer mehr Akteure beteiligen sich an solchen Dynamiken, mit ganz unterschiedlichen Motiven. Gehört und gesehen werden, Aufmerksamkeit erlangen und Netzkultur erleben, das sind Anreize, die die Meinungsbildung ebenso antreiben wie politische Konflikte. Auch der Widerspruch gegen die Mächtigen und Herrschenden (oder jene, die für solche gehalten werden) vollzieht sich zunehmend als Mitmachspektakel.
Unser Fokus-Thema zeigt das deutlich. Wir haben uns nämlich auf TikTok nach antisemitischen Inhalten umgeschaut. Und da sieht man, dass viele UserInnen regelrecht Spaß daran haben, sich über eine jüdische Weltverschwörung oder den Holocaust auszulassen. Die verwendeten Codes, Emojis und Hashtags sind bisher kaum bekannt und verbreiten Kurzvideos mit entsprechenden Inhalten doch am effektivsten – eben weil viele UserInnen in der partizipativen Kultur aufgehen, ohne dass sie die Inhalte notwendigerweise verstanden haben oder ihnen vollständig beipflichten.
Einer weiteren Form der »dark participation« widmen wir uns im Radar. Hier werten wir das Thema aus, das im letzten halben Jahr am wichtigsten in unserem Monitoring auf Telegram war: die Epstein-Files – und welche Bedeutung es für die Entwicklung der Plattform hat. Die Themen, die mit der Causa Epstein verbunden sind, sind vielfältig und ändern sich dynamisch. Das zeigt einmal mehr, dass der Kampf um Deutungen auch vermeintlich verschlossene Milieus bestimmt. Gemeinsam ist ihnen in jedem Fall eine Obsession für das vermeintliche Treiben elitärer Strippenzieher.
In der Blitzlicht-Analyse schauen wir auf die Debatte rund um digitale Zensur. Hier interessiert uns, wie sich der Vorwurf in jüngster Zeit entwickelt hat, warum er scharfes und stumpfes Schwert zugleich ist, warum in einer digitalisierten Öffentlichkeit Kritik und Rechtfertigung der gemeinten Maßnahmen so konfliktiv sind – und doch den Kern des Problems kaum treffen. Kritik an tatsächlichen und imaginierten Meinungswächtern verschwimmt nämlich auch hier mit partizipativen Gruppendynamiken, so dass ihr sachlicher Kern für die Gemeinten schwer anzuerkennen ist.
Wir schließen wie immer mit der Rundschau, die wir mit der neuen Ausgabe noch einmal neu konzipiert haben. Denn wegen der Umstellung auf einen halbjährlichen Veröffentlichungszyklus im letzten Jahr lassen sich die vielen digitalpolitischen Entwicklungen nicht mehr so sinnvoll bündeln, wie bei der quartalsmäßigen Veröffentlichung. Wir konzentrieren uns daher nun auf die Vorstellung neuer Studien, die wir für die digitale Konfliktforschung besonders relevant halten – und die wichtige Erkenntnisse für die Praxis bereithalten.
Dies alles setzen wir zudem in einem neuen grafischen Rahmen um: Es gibt eine neue Startseite, ein leicht verändertes Design, eine angepasste Menüführung und eine Rubrik mit unseren Medienauftritten. Auch bei unserem Atlas zu Desinformation und KI haben wir etwas nachgebessert. Was auf jeden Fall gleich bleibt – und worauf wir nicht verzichten wollen oder können –, ist die Unterstützung unseres wissenschaftlichen Beirats. Wir bedanken uns diesmal herzlich bei Diana Rieger, Janina Pawelz und Amélie Hennemann-Heldt für die gewissenhafte Begutachtung unserer Texte.
Wir sind gespannt auf Ihr Feedback und wünschen viel Spaß beim Lesen!
Maik Fielitz, Projektleiter von MATR
Maik Fielitz ist Bereichsleiter für digitale Konfliktforschung am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena. Er ist Projektleiter und Herausgeber von Machine Against the Rage und forscht zu digitalen Kulturen, Plattformpolitik und rechtsextremem Online-Aktivismus. Für den EU Knowledge Hub on Prevention of Radicalisation der Europäischen Kommission fungiert er als Academic Adviser im Kontext der Prävention von Antisemitismus.
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