Frühjahr 2026: Die Epstein-Verschwörung auf Telegram
Was bewegte das rechtsalternative Milieu auf Telegram in den vergangenen Monaten? Hierbei stach ein Thema besonders hervor: die Veröffentlichung der Epstein-Files durch das US-Justizministerium. Seit Anbeginn der politischen Nutzung der Plattform war die Debatte rund um den verurteilten Sexualstraftäter ein spektrenübergreifender Topos, der mit diversen Enthüllungen, Anschuldigungen und Verschwörungstheorien auffuhr. Hervor stießen dabei deutschsprachige Ableger des QAnon-Kults, die zuletzt an Bedeutung verloren. Ob die jüngsten Enthüllungen solchen Akteuren neue Relevanz bescherten und inwieweit dies die Netzwerkstrukturen änderte, untersuchen wir im Radar. Spoiler: Epstein ist omnipräsent, kann aber den Trend des allgemeinen Bedeutungsverlusts von Telegram nicht aufhalten.
Im Januar 2026 veröffentlichte das US-Justizministerium über drei Millionen Seiten an Dokumenten, die über Jahre im Rahmen der Strafverfolgung gegen den verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein gesammelt wurden. Sie sollen offenlegen, was längst noch nicht vollständig aufgearbeitet ist: die Ausmaße des Missbrauchs durch Epstein und seine Partnerin Ghislaine Maxwell an Frauen und minderjährigen Mädchen wie auch die Namen weiterer involvierter Personen. Über Jahre hinweg baute sich der Financier ein Netzwerk auf, das diverse politische Eliten umfasste und seine kriminellen Machenschaften deckte.
Die Veröffentlichung der Epstein-Files sollte zur Aufklärung beitragen. In der Praxis führte dieser Akt aber zu einem Feuerwerk an Unklarheit, alten und neuen Verschwörungstheorien sowie Desinformation und Bullshit. Epstein hat einen zentralen Platz im verschwörungsideologischen Milieu, insbesondere bei QAnon – auch in der deutschen Telegram-Sphäre. Dass der Fall nun im Mainstream diskutiert wird und zuvor so lange ignoriert wurde, ließ viele AnhängerInnen von Verschwörungstheorien bescheiden, dass sie die »Wahrheit« früher als andere erkannt hätten. Das Misstrauen gegen die herkömmlichen Medien wie auch das eigene Weltbild sah man dadurch bestätigt. Der Aufwind für Telegram blieb jedoch trotz Veröffentlichung der Dokumente weitestgehend aus, die Plattform verliert weiter an Bedeutung in den von uns beobachteten Milieus, wie wir nachfolgend genauer zeigen werden.
Insgesamt 50.140 Nachrichten unseres Telegram-Monitorings thematisieren Epstein seit 2019 in unterschiedlicher Frequenz, fast die Hälfte stammt von QAnon-AnhängerInnen, ein weiteres Viertel geht auf andere verschwörungsideologische Kanäle zurück. Nichtsdestotrotz bespielen auch Kanäle der populistischen und der extremen Rechten so wie pro-russische Propaganda-Kanäle den Fall Epstein, wenn auch im Vergleich deutlich seltener (vier bis neun Prozent). Weniger als ein Prozent der Nachrichten stammen von QuerdenkerInnen, Neonazis oder Neurechten. Das Interesse an dem Thema gestaltet sich demnach sehr unterschiedlich.
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Anzahl aller Telegram-Nachrichten zu Epstein nach Ideologie von 01/2019 bis 02/2026.
In den vergangenen Wochen wurde der Fall prominent in der Presse diskutiert und auch über die dahinterliegenden Online-Trends wurde berichtet. Zum Beispiel über Verschwörungstheorien,1 den damit befeuerten Antisemitimus2 oder die Frage, wie man eigentlich noch zwischen Verschwörung und berechtigten Zweifeln unterscheiden kann.3 Gleichzeitig bestehen empirische Leerstellen hinsichtlich dessen, wie prävalent und prominent bestimmte Themen und Theorien tatsächlich sind. Für die von uns beobachteten Telegram-Kanäle – zentraler Sammelplatz für VerschwörungstheoretikerInnen – untersuchen wir daher, welche Themen rund um Epstein wann, wie stark und von welchen Milieus bespielt wurden und welche Inhalte besonders viral gingen. Darüber hinaus soll dieser Radar der Frage nachgehen, ob sich die konspirationistischen Kanäle, die mit Epstein ein so aktuelles und öffentlichkeitswirksames Thema wie selten zuvor bespielen, eine neuen Relevanz außerhalb, aber auch innerhalb der rechtsalternativen Kommunikationsnetzwerke verschaffen konnten, indem wir Subscriber-Zahlen und Weiterleitungen auswerten.
Vorgeschichte: Von Pizzagate zu den Epstein-Files
Zunächst aber ein Blick zurück: Als »Pizzagate« wurde 2016 die haltlose Verschwörungstheorie bekannt, die ehemalige demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton stehe im Zentrum eines satanischen Kults und betreibe einen pädophilen Menschenhändlerring. QAnon ist eine Fortführung der Pizzagate-Legende und die Weiterentwicklung eines immer fortlaufenden »kollektiven Narrativs«, das auf paranoiden Einstellungen gegenüber politischen Institutionen basiert.4 In Teilen wird weniger auf Satanismus gesetzt, dafür aber ein angeblicher Deepstate als Übeltäter identifiziert und US-Präsident Trump als Heilsbringer identifiziert.5 Das fiktive Pizzagate und die Enthüllungen um die realen Verbrechen Epsteins liefen dabei lange Zeit parallel.6 Mit Epsteins Verhaftung 2019 und seinem Tod wenige Wochen später bekamen jedoch Q-Erzählungen in den USA enormen Zulauf an NutzerInnen auf Facebook und Twitter.7
Aber auch jenseits von QAnon entwickelte sich der offiziell bestätigte, aber von vielen angezweifelte Suizid von Epstein zu einem Social-Media-Trend.8 Der Hashtag #epsteindidntkillhimself avancierte 2019 auf Twitter und anderen Plattformen zu einem Meme, das sich bald auf Pullovern, Armbändern und selbst in Dating-Kontexten wiederfand.9 Epstein wurde zu einer Chiffre für ein generelles Misstrauen gegen die Demokratie, gespickt mit einem ironischen Unterton, dessen Potenzial auch schnell von extremistischen Kräften wahrgenommen wurde. Dieser Trend wurde noch dadurch befeuert, dass der skandalöse Missbrauch von Frauen und minderjährigen Mädchen viel zu lange kaum Beachtung fand. Um die Aufklärung jener tatsächlichen Strukturen, die die Verbrechen ermöglichten, ging es bei QAnon und anderen jedoch nie.10 Vielmehr verschworen sie sich zu der Erzählung, dass eine satanische Elite versuchen würde, das vermeintlich lebensverlängernde Stoffwechselprodukt Adrenochrom aus gefolterten Kindern zu extrahieren.11
Während der Corona-Pandemie verbreiteten sich 2020 die Verschwörungserzählungen um QAnon schließlich auch in Deutschland. Gleichzeitig wurden in dieser Zeit soziale Plattformen stärker reguliert und auch QAnon-Accounts gesperrt, nicht zuletzt weil man beobachtet hatte, dass der Glaube an Verschwörungstheorien zu Gewalttaten und Anschlägen führen konnte.12 In der Folge zogen sich viele Akteure auf Telegram zurück und etablierten dort eben jene Infrastruktur, die wir im Radar beobachten: Über 200 Kanäle und Gruppen debattieren hier über einen vermeintlichen Deepstate, an dessen Beseitigung angeblich verschiedene Kräfte arbeiten. Gleichzeitig suchten QAnon-AnhängerInnen narrative Anknüpfungspunkte insbesondere über die Corona-Pandemie ans Querdenken-Lager, andere verschwörungsideologische Kanäle, aber auch etwa an die Reichsbürger-Szene oder pro-russische Propaganda-Akteure.13
Zuletzt stagnierte die Entwicklung im Milieu, wie wir in früheren Ausgaben zeigten, es kamen nur noch wenige neue Subscriber hinzu und die Anzahl der Nachrichten in den Kanälen ging konstant – und parallel zur Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit – zurück.14 Mit der Veröffentlichung der Epstein-Files nahmen wir an, dass sich dieser Trend wieder umdrehen könnte und die Szene einen neuen Aufschwung erhält. Tief verwurzelt im konspirationistischen Milieu bietet der Fall Epstein immerhin zahlreiche Anknüpfungspunkte und taugt als Projektionsfläche für viele Akteure im rechtsalternativen Informationsökosystem: Von Kinderschutz bis zur Trump-Verehrung ist einiges mit dabei.
Epstein auf Telegram: Peaks im Zeitverlauf
Seit 2019 werden Theorien über Epstein in unterschiedlicher Intensität ausgetauscht. Im Zeitverlauf zeigt sich, dass ab Juli 2020 – mit der Anklage von Ghislaine Maxwell – die Causa Epstein im deutschsprachigen Telegram-Bereich fest auf die Themen-Agenda kommt, es wird sich regelmäßig über die Entwicklungen in den USA ausgetauscht und sie auf Deutschland übertragen. Ab Februar 2025 überschreiten die monatlichen Nachrichten dauerhaft die 500er-Marke bis das Thema im Februar 2026, zum Ende der Datenerhebung, schließlich mit 10.687 Nachrichten seinen (bisherigen) Höhepunkt erreicht. Zu denjenigen Milieus, die bereits von früh an und auch aktuell die meisten Nachrichten über Epstein verbreiten, zählen – wenig überraschend – vor allem QAnon-Anhänger und verschwörungsideologische Kanäle.
Der relative Verlauf zeigt zusätzlich, welche Relevanz Epstein im Vergleich zu anderen Themen in den einzelnen Milieu hat(te): Bei Reichsbürgern und QAnon-AnhängerInnen betrifft im Februar 2026 jeder zehnte Post das Thema, was die Bedeutung von Epstein für diese Gruppen unterstreicht. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass die absolute Anzahl an Nachrichten, die aus der viel kleineren und weniger aktiven Gruppe der Reichsbürger-Kanäle stammt, um ein vielfaches geringer ist als bei QAnon. Neue Rechte, Extreme Rechte sowie pro-russische Propaganda interessierten sich 2019 und in den folgenden Jahren kaum für Epstein, haben das Thema aktuell aber durchaus aufgegriffen. Populistische Rechte und Anti-Konsens-Kanäle liegen im oberen Mittelfeld. Bei diesen beiden Gruppen ist schon zu Epsteins Tod ein Peak beobachtbar, das Interesse innerhalb der Milieus ist nun aber noch einmal deutlich gestiegen.
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Relativer Anteil an Nachrichten mit dem Keyword »Epstein« am Gesamtaufkommen aller Nachrichten je ideologischem Milieu in Prozent (Erklärung hier).
Die Zyklen der Aufmerksamkeit hängen stark von bestimmten Ereignissen ab. Gerichtsurteile, Zeugenaussagen und politische Instrumentalisierung sind wiederkehrende Treiber der Aufmerksamkeit, die zu Nachrichten-Peaks führen.
Ein genauer Blick in die Daten zeigt, welche Inhalte zu den Peaks im Zeitverlauf am meisten weitergeleitet wurden.15 Während zwischen 2019 und 2024 die am meisten geteilten Nachrichten vor allem aus QAnon- und verschwörungsideologischen Kanälen stammen, sind ab 2025 auch rechtspopulistische Kanäle unter den Top-Kanälen präsent. Darüber hinaus sind pro-russische Kanäle mehrfach unter den UrheberInnen der meist geteilten Inhalte. Thematisch fällt dabei auf, dass die verschiedenen Ereignisse immer wieder ähnliche Erzählungen hervorbringen, die über den jeweils aktuellen Anlass hinausgehen.
Besonders oft vorhanden sind spätestens seit dem Tod Epsteins Spekulationen und (vermeintliche) Enthüllungen darüber, welche prominenten Personen aus Politik, Wirtschaft, Hollywood oder auch Wissenschaft mit ihm Kontakt pflegten und in seine Verbrechen involviert waren. In den Jahren 2020 und 2021 wurde noch die Anbindung zur Pizzagate-Erzählung gesucht, die zuletzt kaum mehr eine prominente Rolle spielte. Die nicht bestätigte Behauptung, Epstein würde möglicherweise für (ausländische) Geheimdienste arbeiten, war bereits 2020 in den meist geteilten Nachrichten enthalten. Seit 2024, sicherlich auch vor dem Hintergrund des Kriegs in Nahost, wird mehrfach explizit eine Verbindung zum israelischen Geheimdienst behauptet.
Über Epstein reden: Narrative der Verschwörung am Werk
Wenn Epstein thematisiert wird, geht es den meisten Akteuren kaum um echte Aufklärung. Vielmehr funktioniert Epstein als eine Chiffre für die Ablehnung demokratischer Institutionen und politischer Eliten, mit der dann wiederum verschiedene Themen vermischt werden, die von echten Ereignissen bis vollkommen frei erfundene Theorien, von weitestgehend harmlosen Erzählungen bis zu Aufrufen zum gewaltsamen Umsturz der aktuellen Verhältnisse alles beinhalten. Wir haben ein Themenmodell berechnet und jene Themen extrahiert, die mit gängigen Verschwörungstheorien und Narrativen rund um die Causa zusammenhängen, um ihre Prävalenz und Veränderungen von 2019 bis heute in den Milieus identifizieren zu können.16 Die sieben näher untersuchten Themen umfassen Erzählungen und Behauptungen hinsichtlich:
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- Verbindungen zwischen Epstein und dem israelischen Staat, insbesondere seinem Geheimdienst;
- Verbindungen Epsteins zur Covid-Pandemie, Impfstoffen und der Pharmaindustrie;
- Einbettung des Falls in Erzählungen über einen Deepstate, in dem verschiedene Mächte im Verborgenen um die Zukunft der Welt kämpfen;
- Epsteins Bestrebungen im Bereich der Eugenik und dem Transhumanismus;
- allgemeine Informationen zu der Veröffentlichung der Epstein-Files;
- Theorien zu seinem Selbstmord;
- Pizzagate und andere Verschwörungtheorien, die sich überwiegend um Kindesmissbrauch, Menschenhandel und Kannibalismus drehen.
Diese Themen werden von verschiedenen politischen Milieus zum Teil unterschiedlich bespielt, wobei Pizzagate und ähnliche Verschwörungstheorien in allen Milieus am häufigsten zu finden sind. Nur bei neonazistischen und Querdenken-Kanälen kamen alle Themen so selten vor, dass wir sie hier nicht weiter beachten. Erzählungen vom Deepstate sind am prominentesten bei QAnon, finden sich aber im Vergleich mit den anderen Themen innerhalb der einzelnen Milieus auch relativ häufig im Esoterik- und Reichsbürger-Milieu. Der Vorwurf, dass politische Eliten in der Unterstützung eines Kinderschänderrings involviert seien (Pizzagate), ergänzt sich mit der Idee, dass ein tiefer Staat die Geschicke in den USA und weltweit leiten würde und so auch eine Neue Weltordnung installieren möchte.
Insgesamt legt die ähnliche Verteilung der Themen in den Milieus jedoch nahe, dass die Verschwörungstheorien rund um Epstein stark diffundieren und auch mit verschiedenen politischen Schwerpunktsetzungen kompatibel sind. Unterschiede gibt es dann wiederum in der Frage, wie explizit die Theorien ausbuchstabiert werden. Während rechtspopulistische Akteure mit Andeutungen spielen, beschwören QAnon-Kanäle schwer haltbare, teils abstruse Theorien.
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Absolute Anzahl an Nachrichten zu den sieben ausgewählten Themen je ideologischem Milieu von 01/2019 bis 02/2026.
Allerdings gibt es auf der zeitlichen Ebene Fluktuationen. Die Verlaufskurve zeigt, dass obskure Verschwörungstheorien stets am präsentesten sind. Die Verbindung von Epstein zum Deepstate geht im Winter 2023 deutlich zurück, was mit dem Wahlkampfauftakt von Donald Trump zusammenhängen könnte. Nicht neu, aber weiterhin über die Zeit zugenommen haben Behauptungen, dass Epstein ein Agent des Mossad sei, er im Auftrag des israelischen Staates Erpressungsmaterial sammelte oder Israel irgendwie anders in seine Verbrechen involviert sei, womit antisemitische Verschwörungstheorien Auftrieb erhalten, worauf bereits mehrere Berichte aus der Zivilgesellschaft hingewiesen haben.17 Relativ neu ist hingegen der Themenkomplex um die Schlagworte Eugenik und Transhumanismus, in dem über geheime Pläne Epsteins spekuliert wird, die Menschheit nach seinem Ansinnen zu verändern. Auch relativ gesehen lässt sich die Dominanz von Verschwörungstheorien rund um Kindesmissbrauch und Menschenhandel sowie Deepstate-Theorien verdeutlichen. Bis zu 36 Prozent aller Nachrichten zu Epstein machten erstere zwischenzeitlich aus.
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Absolute Anzahl der Nachrichten zu den ausgewählten sieben Themen im Zeitverlauf seit 01/2019 je Quartal.
Um einen Eindruck zu geben, worüber in der Causa Epstein geschrieben wird, haben wir die reichweitenstärksten Beiträge zu den eingangs beschriebenen thematischen Peaks zusammengestellt. Dabei ist zunächst auffällig, dass seit 2019 immer wieder dieselben Kanäle mit dem Thema Epstein große Reichweite erzielen. Diese entstammen ausschließlich dem verschwörungsideologischen und QAnon-Milieu und der populistischen Rechten. Die 89 aktiven QAnon-Kanäle in unserem Monitoring stellen einen homogenen Meinungsmarkt dar, deren Top-Kanäle teils über 100.000 Subscriber haben (qglobalchange) und mehr oder weniger identische Materialien teilen.
Darüber hinaus sind die verschwörungsideologischen Influencer Oliver Janich und Mark Hegewald (MARKmobil) zu nennen, die das Thema bereits seit dem Beginn unserer Datenanalyse 2019 begleiten. Beide erreichen mit ihren Kanälen mittlerweile weit mehr als 110.000 Subscriber. In der jüngeren Vergangenheit sehen wir rechtsalternative Medien, die dieses Thema auch stark aufgriffen. Hierzu zählen Lion Media (138.000 Subscriber), AUF1 (280.000 Subscriber) und Freie Medien TV (141.000 Subscriber), die unter anderen die reichweitenstärksten Posts zu dem Thema verfasst haben. Mit dem Kanal ddddoffiziell tut sich auch ein pro-russischer Kanal besonders hervor.
Epstein wird von diesen Kanälen in größere Zusammenhänge einer Neuen Weltordnung gestellt und somit eine politische Agenda zugesprochen, Nationen und Geschlechter aufzulösen und an einem großen Geheimplan mitzuarbeiten. Es werden oft konkrete Details aus dem Kontext gezogen und in ein größeres politisches Weltbild eingefügt. So sei Epstein eine Vorhut eines größeren Programms, Familien zu zerstören und eine woke Agenda aufzubauen – kongruent mit gängigen Deepstate-Narrativen. Oft wird mit Eilmeldungen geworben, die exklusives Wissen über neue Entwicklungen im Fall Epstein versprechen, sich dann oft aber als Clickbait und Desinformation herausstellen. So wird über die Thematisierung von Epstein versucht, sich im Aufmerksamkeitsmarkt mit steilen Thesen zu behaupten. Während 2019 noch stärker Aspekte der Aufdeckung beinhaltete, lässt sich nach und nach eine Einbettung in politische Narrative beobachten.
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Die meistgesehenen Beiträge zum Thema Epstein für ausgewählte Monate (Erklärung hier).
Verschwörung gegen die Verschwörung: Epstein im Netzwerk
Wie immer haben wir auch für diesen Radar Weiterleitungen zwischen den Milieus unter die Lupe genommen. Hier geht es also nun nicht mehr um einzelne, oft gesehene Nachrichten, sondern um die Frage, zwischen welchen Milieus besonders viele oder auch besonders wenige Inhalte ausgetauscht wurden. Zum Thema Epstein haben wir uns die Weiterleitungen über den gesamten Zeitraum seit 2019 angesehen.
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Weiterleitungen von Nachrichten zu »Epstein« zwischen Kanälen verschiedener Milieus im Zeitraum zwischen 01/2019 und 02/2026 (Erklärung hier).
Rund drei Viertel der Weiterleitungen zu Epstein gehen auf Nachrichten aus dem QAnon- und verschwörungsideologischen Milieu zurück. Dabei werden zwar QAnon-Inhalte vor allem von anderen QAnon-Kanälen geteilt und auch der Nachrichtenfluss innerhalb des Verschwörungs-Milieus ist relativ groß, was typisch für diese beiden Gruppen ist. Es zeigt sich jedoch auch, dass Epstein-Inhalte nicht nur aus diesen beiden Milieus in andere flossen, sondern der Austausch durchaus auch in die andere Richtung erfolgte. Nachrichten zu Epstein wurden zum Beispiel auch von Kanälen der populistischen Rechten, der extremen Rechten oder der pro-russischen Propaganda ins konspirationistische Milieu weitergeleitet. Ein zusätzlicher Blick auf die Weiterleitungen zu Epstein aus ausgewählten Kanälen im Zeitverlauf zeigt außerdem, dass News-Kanäle wie auf1tv oder freiemedientv eher rund um Ereignisse und Aufmerksamkeits-Peaks Reichweite erzielen, während QAnon-Kanäle auch in ereignisärmeren Zeiten wie zwischen 2022 und 2023 (in ihrem Milieu) weitergeleitet werden.
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Ausgewählte Kanäle und der relative Anteil an Weiterleitungen im Verhältnis zu allen Weiterleitungen zu Epstein im entsprechenden Quartal.
Epstein und (k)ein Ende: Was sonst noch geschah
Mit der Epstein-Debatte, die seit Anfang des Jahres in den größeren Zeitungen dieses Landes geführt wurde, hatte das verschwörungsideologische Milieu ein Gelegenheitsfenster die große Bühne nochmal zu betreten. Aber der große Knall blieb aus;18 nicht nur, was das Durchdringen von Verschwörungstheorien in den Mainstream angeht, sondern auch was die öffentliche Ignoranz gegenüber der Plattform Telegram betrifft. Erweckte der verschwörungsideologische Telegram-Kosmos während der Pandemie eine gewisse Neugier für obskure Thesen und Persönlichkeiten, scheinen heute kaum neue Impulse von der Plattform auszugehen. Auch die Epstein-Files konnten wenig ändern. Die Entwicklung reiht sich ein in größere Entwicklungen, die wir in unserem Monitoring nachvollziehen können: Die Dynamik der Plattform kommt langsam zum Erliegen.
Am deutlichsten lässt sich dies an vier Indikatoren festmachen. Zunächst sehen wir eine nachlassende Posting-Aktivität der von uns beobachteten Kanäle, insbesondere in verschwörungsideologischen Gruppen. Veröffentlichten diese im Februar 2025 noch 101.104 Nachrichten, waren es im Februar 2026 nur noch 81.118, ein Rückgang um fast 20 Prozent. Das liegt daran, dass viele Accounts ihre Aktivität eingestellt haben oder Telegram nur noch als Zweit- oder Drittplattform nutzen. Aber auch bei sehr umtriebigen Accounts wie Eva Herman sehen wir einen deutlichen Rückgang im Posting-Verhalten. Das hängt auch damit zusammen, dass ihre Nachrichten weniger Resonanz erfahren und sich einzelne Postings nicht mehr so weit verbreiten, was insbesondere Akteuren, die hier auch ökonomische Interessen verfolgen, zum Verhängnis wird.
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Anzahl der Nachrichten, die verfasst wurden, je Milieu und Monat zwischen 12/2024 und 02/2026.
Damit ist bereits das allgemeine Weiterleitungsverhalten angesprochen, das deutlich zurückgeht. Weiterleitungen sind ein Kernaspekt des vernetzten Kommunizierens auf Telegram, das die Plattform für politische Akteure relevant machte. Von 14.968 weitergeleiteten Nachrichten im März 2025 ist die Anzahl auf 9.642 Nachrichten im Februar 2026 gesunken. Die Vermutung, dass die Veröffentlichung der Epstein-Dokumente daran etwas geändert haben könnte, scheint sich also nicht zu bestätigen. Obwohl der Fall in aller Munde ist und obwohl das Interesse und die Beschäftigung mit Epstein in den Telegram-Kanälen aktuell sehr präsent ist, ist kein neuer Hype zu verzeichnen. Im Gegenteil: Der Abwärtstrend setzt sich fort.
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Anzahl der Nachrichten, die weitergeleitet wurden, je Milieu und Monat zwischen 12/2024 und 02/2026.
Ein weiterer Indikator ist die milieuübergreifende Kommunikation, die ebenso nachlässt. Dies lässt sich zum Beispiel daran ablesen, dass neonazistische Kanäle im Vergleich zum Sommer 2024 erheblich an Interesse an pro-russischer Propaganda verloren haben. Damals hatten noch fast so viele pro-russische Nachrichten ihren Weg in Kanäle des neonazistischen Milieus gefunden, wie sie innerhalb des pro-russischen Milieus selbst weitergeleitet wurden.19 Aktuell ist der Anteil mit insgesamt 243 Weiterleitungen in den letzten 15 Monaten von pro-russischen zu neonazistischen Kanälen sehr gering. Dies spricht dafür, dass gemeinsame Themen und Kampagnen heute weniger präsent sind. War in den frühen 2020er Jahren der Widerstand gegen die Maßnahmen der Pandemie ein gemeinsamer Ankerpunkt, der auch Gruppen aus sehr verschiedenen Milieus zusammenbrachte, sehen wir eine nachlassende Bereitschaft, auch aus anderen Milieus Nachrichten zu teilen. Auch hier hat die Causa Epstein wenig geändert. Umso mehr fallen gegenläufige Entwicklungen auf: So erhielt QAnon zuletzt mehr Aufmerksamkeit von Kanälen, die pro-russische Propaganda verbreiten, als noch im Vergleichszeitraum vom Sommer 2024, was mit bekannten Strategien der Destabilisierung zusammenhängt. Jenseits solcher kleineren Verschiebungen zwischen den Milieus sind die Weiterleitungen jedoch insgesamt rückläufig.
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Weiterleitungen von eigens verfassten Nachrichten zwischen Kanälen verschiedener Milieus im Zeitraum zwischen 12/2024 und 02/2026 (Erklärung hier).
Einen letzten Indikator für die zurückgehende Bedeutung veranschaulicht der Rückgang in den Subscriber-Zahlen. Bis auf den Esoterik-Bereich haben alle Kanäle mit mehr als 20.000 Followern insgesamt Subscriber verloren oder zumindest keine neuen hinzubekommen. Minimale Zugewinne gibt es bei kleineren Kanälen in den Bereichen Esoterik, Prepper und Neonazismus. Diese Entwicklung ist bemerkenswert, da trotz sinkender Nachrichtenanzahl fast alle Kanäle im Sommer 2024 noch größtenteils Zuwächse an Subscribern hatten.20 Bei unserer letzten Erhebung im September 2025 zeichneten sich schon Einbrüche in manchen Milieus ab.21 Der Abwärtstrend scheint nun aber auch die Abonnenten vieler Kanäle, sowohl aus dem rechtsextremen als auch aus dem verschwörungideologischen Milieu, zu betreffen. Eine Auffälligkeit bietet wieder QAnon. Hier ist der Rückgang an Followern in den letzten drei Monaten nicht mehr ganz so deutlich wie noch kurz zuvor, was mit einem Telegram-internen Aufmerksamkeits-Peak im Zuge der Epstein-Files zu tun haben dürfte.
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Entwicklung der Subscriber-Zahlen im Zeitraum von 12/2025 bis 02/2026 (Erklärung hier).
Abschließend können wir festhalten, dass sich anhand der Causa Epstein nur kleine Verschiebungen im rechtsalternativen Telegram-Kosmos feststellen lassen, welche sich insbesondere auf QAnon-Kanälen beziehen lassen. Jenseits der Epstein-Files ließen sich kaum weitere Kampagnenthemen oder größere Aufreger auf der Plattform feststellen. Nichtsdestotrotz behält die Plattform ihre Rolle in einem vielschichtigen Ökosystem als Archiv und Rückfalloption und wird insbesondere für halb-öffentliche Gruppenkommunikation oder geschlossene Chats genutzt. Darauf deutet eine Vielzahl von Links hin, die auf anderen Plattformen in militanten Kreisen verbreitet werden. Nicht zuletzt bildet die Tendenz auf Telegram auch einen weitgehenden Rückzug in weniger öffentliche Räume ab, die auch andere soziale Medien zu verzeichnen haben. Die netzkulturelle Dimension, die der Fall Epstein nahm, wird die deutsche Telegram-Sphäre auch weiterhin begleiten.
Zitationsvorschlag: Franziska Martini, Michael Schmidt & Maik Fielitz, »Frühjahr 2026: Die Epstein-Verschwörung auf Telegram«, in: Machine Against the Rage, Nr. 9, Frühjahr 2026, DOI: 10.58668/matr/09.1.
- Siehe Carla Reveland & Wulf Rohwedder, »Naidoos Kehrtwende von der Kehrtwende«, auf: Tagesschau, 20. Feb. 2026, online hier.
- Siehe »Epstein-Dokumente befeuern antisemitische Verschwörungsmythen in sozialen Medien«, in: Jüdische Allgemeine, 6. Feb. 2026, online hier.
- Siehe Harald Staun, »Glaubt niemandem! Informiert euch selbst! Fall Epstein«, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. Dez. 2025, online hier.
- Gabriele Cosentino, Social Media and the Post-Truth World Order. The Global Dynamics of Disinformation (Cham: Springer International Publishing, 2020), S. 60.
- Siehe Paul Bleakley, »Panic, Pizza and Mainstreaming the Alt-Right. A Social Media Analysis of Pizzagate and the Rise of the QAnon Conspiracy«, in: Current Sociology, Nr. 3, Jg. 71 (2023), S. 509–525, DOI: 10.1177/00113921211034896; sowie Miro Dittrich et al., QAnon in Deutschland, de:hate Report #01 der Amadeu Antonio Stiftung, 2020, online abrufbar hier.
- Tatsächlich behauptete einer der initialen Tweets zu Pizzagate einen Zusammenhang zwischen Clinton und Epstein, der bereits 2008 zum ersten Mal verurteilt wurde. Siehe Craig Silverman, »How The Bizarre Conspiracy Theory Behind ›Pizzagate‹ Was Spread«, auf: BuzzFeed News, 5. Dez. 2016, online hier; sowie Paul Bleakley, »Panic, Pizza and Mainstreaming the Alt-Right«, S. 519.
- Siehe Aoife Gallagher, Jacob Davey & Mackenzie Hart, »The Genesis of a Conspiracy Theory. Key Trends in QAnon Activity Since 2017« (London u.a.: Institute for Strategic Dialogue, 2020), online abrufbar hier.
- Siehe Jacob Shamsian, »Almost Half of Americans Now Believe the Conspiracy Theory that Sex Offender Jeffrey Epstein Was Murdered«, auf: Business Insider, 25. Nov. 2019, online hier.
- Siehe Emma Grey Ellis, »›Epstein Didn’t Kill Himself‹ and the Meme-ing of Conspiracy«, auf: Wired, 15. Nov. 2019, online hier.
- Cosentino, Social Media and the Post-Truth World Order, S. 86. Oder wie es in der Süddeutschen Zeitung heißt: Die realen Verbrechen seien doch »[a]uch so schon schlimm genug«; Nils Minkmar, »Auch so schon schlimm genug«, in: Süddeutsche Zeitung, 19. Feb. 2026, S. 9.
- Siehe Till Kössler, »QAnon, Kinderschändung und die Geschichte des Kinderschutzes«, auf: Geschichte der Gegenwart, 2. Mai 2021, online hier.
- Siehe Anna Kruglova, »Understanding Conspiracist Radicalisation. QAnon’s Mobilisation to Violence«, Policy Brief des International Centre for Counter-Terrorism, 2023, online abrufbar hier.
- Siehe Harald Sick et al., »Herbst 2022: Reichsbürgerstreich statt Volksaufstand«, in: Machine Against the Rage, Nr. 1 (2022), DOI: 10.58668/matr/01.1.
- Siehe Christian Donner, Holger Marcks & Harald Sick, »Sommer 2024: Drei Wahlen und ein Terrorfall«, in: Machine Against the Rage, Nr. 7 (2024), DOI: 10.58668/matr/07.1.
- Dies basiert auf den jeweils zehn Nachrichten, die über alle Milieus hinweg am häufigsten weitergeleitet wurden, im Zeitraum der zuvor genannten acht Ereignisse mit den besonderen Aufmerksamkeitsspitzen.
- Das Vorgehen ist im methodischen Annex beschrieben.
- Siehe »Epstein-Files: Anlass für Hass und Propaganda«, auf: Jugendschutz.net, 16. März 2026, online hier.
- Siehe Nils C. Kumkar, »Die Akten sind in der Welt – aber der Knall bleibt aus. Folgen eines Skandals«, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. März 2026, online hier.
- Siehe Christian Donner et al., »Drei Jahre MATR-Monitoring auf Telegram. Die Rolle der Plattform im rechtsalternativen Online-Aktivismus«, in: Machine Against the Rage, Nr. 8 (2025), DOI: 10.58668/matr/07.1.
- Siehe Donner et al., »Sommer 2024: Drei Wahlen und ein Terrorfall«.
- Siehe Donner et al., »Drei Jahre MATR-Monitoring auf Telegram«.