Portionierter Judenhass: Eine Vermessung des Antisemitismus auf TikTok
Wenn Online-Antisemitismus viral geht, verbreitet er sich häufig über Codes und Emojis. So wird die Leugnung des Holocausts in Zahlen verpackt und die vermeintliche jüdische Weltverschwörung in Memes dargestellt. Was auf den ersten Blick als verstörender Humor daherkommt, weist auf eine tiefgreifende Eigendynamik hin, deren Verständnis Kontextwissen über digitale Kulturen voraussetzt. Dieser Fokus veranschaulicht, wie sich diese Dynamiken auf TikTok darstellen. Auf der Grundlage von 20.965 TikTok-Beiträgen aus 2025 und 2026 analysieren wir, in welchen relevanten Formen sich Antisemitismus dort artikuliert, über welche Hashtags er verbreitet wird und welche digitalen Trends dabei eine Rolle spielen. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Ambivalenz der Kommunikation, da viele Inhalte unterschiedliche Lesarten zulassen und dadurch die Prävention herausfordern.
Im Zuge der Veröffentlichung der Epstein-Files teilte die brandenburgische AfD-Kommunalpolitikerin Peggy Lindemann ein antisemitisches Instagram-Reel. Im Text-Overlay des ursprünglichen Videos steht: »Ein Maler aus Österreich behauptete in seiner ›Propaganda‹, dass Elite 🧃 das Blut unserer Kinder trinken würden. Glaubst du heute immer noch, dass er der Böse war?«. Die Anspielung auf den österreichischen Maler wird häufig als kryptische Referenz auf Adolf Hitler genutzt und kann als Affirmation des NS-Vernichtungsantisemitismus gelesen werden. Für sich genommen bleibt der Bezug jedoch vage. Ähnlich verhält es sich mit dem Saftpaket-Emoji, das in einschlägigen Kontexten die phonetische Mehrdeutigkeit zwischen »juice« und »jews« ironisch aufgreift.
Erst das Zusammenspiel beider Komponenten eröffnet einen neuen, antisemitischen Sinnzusammenhang. Spätestens jedoch die Platzierung eines Ausschnitts aus der NS Wochenzeitung Der Stürmer, in dem der Satz »Die Juden sind unser Unglück« hervorgehoben ist, macht die Botschaft des Reels deutlich. Dabei ist das Format des Kurzvideos nicht nebensächlich, vor allem mit Blick auf Plattformen, auf denen es besonders dominant ist, wie etwa TikTok. Es verbindet verschiedene Elemente und Modalitäten miteinander und eröffnet dadurch für die einen neue Bedeutungsebenen, führt bei anderen jedoch zu Irritationen oder Missdeutungen. Genau auf diese Grauzone zog sich die Protagonistin zurück, als es zu einer überregionalen Empörung kam, weil sie den geschichtsrevisionistischen Beitrag verbreitet hatte. Sie erklärte dabei, den antisemitischen Gehalt des Reels nicht erkannt zu haben. Während Brandenburgs Antisemitismusbeauftragter Andreas Büttner Lindemanns Rücktritt forderte und Strafanzeige stellte, erklärten Lindemann und der AfD-Kreisvorsitzende Felix Teichner, es habe sich um ein unglückliches Missgeschick gehandelt.1 Gegenüber dem Spiegel gab sie am Telefon an, weder gewusst zu haben, dass Adolf Hitler Maler war, noch den Stürmer gekannt zu haben.2 Im Tagesspiegel heißt es mit Verweis auf einen vergangenen Eklat um Lindemanns Parteikollegin Beatrix von Storch: »mausgerutscht«.3
Der Fall Lindemann verweist auf einen tiefer liegenden Zusammenhang, der ohne digitalen Kontext kaum zu begreifen ist. Einerseits steht er exemplarisch dafür, dass antisemitische Codes, die vor allem auf randständigen und vergleichsweise wenig moderierten Plattformen, dem sogenannten »Fringe«, zirkulieren, inzwischen auch auf großen Plattformen hohe Reichweiten erzielen können.4 Andererseits zeigt die Verwendung eigenwilliger Symbole, dass selbst in eindeutig antisemitischen Fällen Ambivalenzen etwa durch kontextabhängige Lesarten oder vielschichtige Verweisstrukturen hervorgebracht und unter den Bedingungen plattformspezifischer Aufmerksamkeitslogiken zusätzlich verstärkt werden können. Gerade weil die dahinter stehenden Intentionen kaum eindeutig zu bestimmen sind, entstehen wie im Fall Lindemann nahezu unauflösbare Deutungskämpfe. Konstitutiv für die Anziehungskraft und die veränderten Verbreitungsdynamiken des Online-Antisemitismus ist damit nicht allein sein ideologischer Gehalt selbst, sondern die Fähigkeit, sich situativ an verfügbare Zeichen, Trends und kulturelle Deutungsangebote anzulagern, wie möglicherweise in diesem Fall an eine verschwörungstheoretisch aufgeladene Elitenkritik im Kontext der Veröffentlichung der Epstein-Files.
Der vorliegende Beitrag analysiert antisemitische Kommunikation auf TikTok und fragt danach, in welchen Formen sie sich artikuliert, wie sie sich verbreitet und welche Rolle die kulturelle Anschlussfähigkeit in diesem Zusammenhang spielt. Aussagen über die tatsächliche Prävalenz bleiben dabei grundsätzlich begrenzt, da TikTok nur wenige verlässliche Anhaltspunkte bietet, die einen methodisch kontrollierten Zugriff auf das Phänomen erlauben. Gleichzeitig ist die Plattform gerade deswegen von besonderem Interesse. Aufgrund ihres interessenbasierten Algorithmus verbreiten sich Inhalte hier vor allem entlang viraler Trends sowie der beobachteten Präferenzen der UserInnen und geben damit Aufschluss über die Anziehungskraft antisemitischer Kommunikation. Ihre Analyse, Moderation und Prävention erfordert daher nicht nur Kenntnisse über antisemitische Ideologie, sondern vor allem ein Verständnis digitaler Kulturen, etwa in Form von plattformspezifischen Kommunikationsweisen und audiovisuellen Codes.
Panorama: Antisemitismus nach dem 7. Oktober
Antisemitismus hat spätestens seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023, dem anschließenden Krieg in Gaza und den militärischen Eskalationen in der Nahost-Region erneut Konjunktur. Dieser Eindruck verstärkt sich durch die gemeldeten Vorfälle und politisch motivierten Straftaten auch in Deutschland.5 Erst kürzlich konstatierte eine Studie der Universität Tel Aviv für den globalen Maßstab, dass die Zahlen antisemitischer Vorfälle in allen westlichen Ländern trotz eines insgesamt gemischten Lagebildes deutlich über dem Niveau von 2022 liegen würden.6 Eine Herausgeberin der Studie spricht in diesem Zusammenhang von einer »normalized reality«.7
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Politisch motivierte antisemitische Vorfälle in Deutschland in den Jahren 2022–2025 (Erklärung hier).
Den tragischen Höhepunkt dieser Angriffe bildet der islamistische Terroranschlag bei einer Chanukka-Feier am australischen Bondi Beach, bei dem 15 Menschen ermordet wurden. Auch in Europa kam es zu zahlreichen Angriffen auf jüdische Einrichtungen. So ereigneten sich etwa allein in London binnen eines Monats vier Anschläge auf die dortige jüdische Gemeinschaft.8 Ende April kam es dort zu einer weiteren Attacke, bei der zwei jüdische Menschen verletzt wurden.9 In den Niederlanden lagen zwischen dem Brandanschlag auf eine Synagoge in Rotterdam10 und der Sprengstoffexplosion in einer jüdischen Schule in Amsterdam kaum mehr als 24 Stunden.11 In München erhielt das jüdische Gemeindezentrum einen Drohbrief samt scharfer Munition.12 Im vergangenen April wurde dort auch ein israelisches Restaurant durch einen Sprengstoffangriff entglast.13 Das kürzlich herausgegebene Lagebild des Zentralrats der Juden in Deutschland verzeichnet zudem einen stetigen Rückgang partnerschaftlicher Unterstützung aus der Zivilgesellschaft.14
Diese Entwicklungen spiegeln sich auch in einigen Erhebungen der bundesdeutschen Einstellungs- und Vorurteilsforschung wider.15 Zwar wurden hier seit den 2010er Jahren rückläufige Zahlen in den manifesten antisemitischen Einstellungen beobachtet, jedoch deutet sich seit spätestens 2023 eine Kehrtwende und ein erneuter Aufwärtstrend an.16 Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass sich diese Wende ausschließlich bei den jüngeren Altersgruppen (U-40) zu vollziehen scheint, während bei den älteren (Ü-60) sogar eine gegenteilige Bewegung in den Einstellungen festgestellt wurde.17
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Zeitliche Entwicklung antisemitischer Einstellungen (manifest und latent) Veränderungen in Prozentpunkten im Vergleich zu 2021 (Erklärung hier).
Erste Indizien dafür, dass sich die Verschiebung nicht nur auf der Einstellungsebene, sondern auch in der digitalen Kommunikation abzeichnet, liefern Untersuchungen im Nachgang des 7. Oktobers. Sie verweisen auf eine Zunahme antisemitischer Kommunikation nicht nur in randständigen digitalen Milieus, sondern auch in Kommentarspalten etablierter Medien auf YouTube.18 Die Nutzung von Codes und Symbolen spielt dabei nicht nur in rechtsextremen Zusammenhängen, sondern auch im Umfeld des religiös begründeten Extremismus eine zunehmende Rolle.19 Analysen zu X und TikTok deuten zudem darauf hin, dass negative Beiträge über Israel häufig antisemitische Motive enthalten.20 Dieser Befund ist insbesondere für Plattformen wie TikTok relevant, da konfliktbezogene Interessen nach vorliegenden Befunden die Wahrscheinlichkeit erhöhen können, dass NutzerInnen antisemitische Inhalte schneller automatisiert vorgeschlagen werden.21 Neue Analysen weisen zudem darauf hin, dass sich antisemitische Kommunikation teilweise vom unmittelbaren Konfliktkontext entkoppelt und zunehmend auch in Debatten sichtbar wird, die nicht ausdrücklich auf Israel, Zionismus oder den Krieg Bezug nehmen.22
Zoom In: Antisemitismus speziell auf TikTok
In einer alle fünf Jahre durchgeführten Befragung der European Union Agency for Fundamental Rights gaben 92 Prozent der befragten jüdischen Personen in der EU an, Antisemitismus online wahrzunehmen.23 Der Verdacht, dass die digitale Dimension nicht nur ein ergänzender, sondern ein zentraler Ort der Konsolidierung gegenwärtigen Antisemitismus sein könnte, liegt also nahe. Entsprechend hat auch die Forschung zu digitalen Ausprägungen des Antisemitismus in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Inzwischen liegen vereinzelte Studien zu seiner allgemeinen Verbreitung, plattformvergleichende Analysen, Arbeiten zur automatisierten Erkennung, größere linguistische Korpusanalysen sowie Untersuchungen zur Prävalenz antisemitischer Inhalte im Kontext des Krieges in Nahost, zur antisemitischen Einflussnahme im Kontext pro palästinensischer Protestmobilisierung, zum Gebrauch von Codes und der visuellen Meme-Kultur vor.24
Gleichwohl bleibt die Forschung insgesamt fragmentarisch, insbesondere dort, wo plattformspezifische Dynamiken, audiovisuelle Elemente sowie deren Zusammenspiel systematisch analysiert werden. Das gilt in besonderem Maße für TikTok. Die bei Jugendlichen relevante Plattform25 rückte schon vor dem 7. Oktober aufgrund antisemitischer Trends in den Fokus der medialen Berichterstattung.26 Nach dem Angriff der Hamas auf Israel wurde dies jedoch verstärkt problematisiert.27 TikTok verwies damals auf umfangreiche Löschungen von Videos und Livestreams,28 während jüdische CreatorInnen die unzureichende Moderation, fehlende Sensibilität und das Übersehen codierter Ausdrucksweisen kritisierten.29
Was TikTok von anderen sozialen Medien unterscheidet, ist, dass die algorithmische Kuratierung deutlich stärker entlang des beobachteten Verhaltens der UserInnen ausgerichtet ist und die damit zusammenhängenden Präferenzen beim Ausspielen auf der For You Page stärker priorisiert werden als die bestehenden Kontakte.30 Dadurch hängt die Reichweite von Beiträgen weniger davon ab, ob ein Account bereits bekannt ist, sondern stärker davon, ob Formate, Inhalte und Trends algorithmisch aufgegriffen werden. Indem extremistische Akteure ihre Inhalte an bekannte Sounds, virale Memes oder zynischen Humor anpassen, können sie auch Zielgruppen ansprechen, die vorher unerreicht blieben.31 Zugleich interagieren auch UserInnen mit diesen Formaten, ohne dass damit notwendig eine politische Motivation oder ein geschlossenes ideologisches Weltbild einhergehen muss. Dadurch tragen sie zu einer Dynamik bei, die sich nicht allein über klassische Faktoren wie politische Zugehörigkeit oder ideologische Überzeugung erklären lässt, sondern bei der die digitale Praxis selbst eine tragende Rolle spielt.32
Erste qualitative Arbeiten deuten darauf hin, dass antisemitische Kommunikation auf TikTok häufig multimodal funktioniert: Aus dem Zusammenspiel von Bild, Ton, Text, Anspielung und Kontext entsteht so ein eigener Sinnzusammenhang, der für Moderation wie Forschung schwerer zu erfassen ist.33 Zwar gibt es inzwischen auch erste quantitative Analysen,34 dennoch fehlt es bislang an systematischen Untersuchungen, die TikTok in seiner eigenständigen, stark multimodalen Kommunikationslogik erfassen und qualitative mit quantitativen Zugängen verbinden.
Forschungsvorhaben: Hashtags als Türöffner
Das Ziel unserer Arbeit ist es, besser zu verstehen, wie sich Antisemitismus multimodal ausdrückt. Hierzu wurde ein hashtagbasierter Zugang gewählt. Das Verwenden von Hashtags ist eine Möglichkeit, um den Beiträgen zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen und sie in thematische Kontexte einzuordnen. Vor dem Hintergrund der beschriebenen technischen Spezifika bietet der Zugang über Hashtags für die Analyse einen vergleichsweise nachvollziehbaren und methodisch kontrollierbaren Zugang zu den Daten. So wurden zunächst potenziell relevante TikTok-Beiträge identifiziert und anschließend inhaltsanalytisch ausgewertet.
Den Erhebungszugang bildeten 34 Hashtags, die nach einer Material- und Literaturrecherche anhand von forschungspragmatischen Kriterien ausgewählt wurden. Mit diesem hashtagbasierten Ansatz lässt sich zeigen, wie sich bestimmte Trends über Zeit entwickeln und mit welchen Themen sie verbunden werden. Das Ziel bestand darin, Hashtags zu berücksichtigen, die einerseits offen genug waren, um ein hinreichend breites Spektrum thematisch relevanter Beiträge zu erfassen, andererseits aber auch spezifisch genug waren, um den Anteil offensichtlich irrelevanter Inhalte möglichst gering zu halten. Der Erhebungszeitraum orientierte sich an zwei für den untersuchten Themenkomplex besonders relevanten Ereignissen: dem Beginn der Waffenruhe im Gazastreifen im Januar 2025 und der Veröffentlichung der Epstein-Files im Februar 2026.35
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Darstellung der Hashtags, auf deren Grundlage die Daten auf TikTok erhoben wurden und weitere Hashtags (Erklärung hier).
Im finalen Datensatz wurden schließlich nur TikTok-Beiträge mit mehr als 500 Aufrufen berücksichtigt, deren BetreiberInnen ihre Konten ursprünglich in Nordamerika, Europa, Nordafrika oder dem Nahen Osten registriert hatten. Automatisiert ausgeschlossen wurden Beiträge, die das Sprachmodell mit einem Konfidenzwert von über 0,6 als weder deutsch noch englisch klassifizierte. Darüber hinaus wurden die verknüpften Hashtags manuell gewichtet, um ihre mögliche thematische Relevanz zu schätzen. So konnten Beiträge ausgeschlossen werden, deren Hashtag-Kombinationen in erster Linie auf irrelevante oder generische Inhalte verweisen.36
Who the F*** Is Agartha? Befunde der Datenauswertung
Sowohl mit Blick auf die Häufigkeitsverteilung als auch die zeitliche Entwicklung fällt #Agartha ins Auge. Dieser Hashtag ist in den erhobenen Daten durchgängig am stärksten vertreten und seit dem Herbst 2025 deutlich dominant. Unter ihm sammeln sich vor allem Beiträge, die auf die Vorstellung einer fiktiven, mythisch überhöhten arischen Urzivilisation verweisen. Deren angebliches Reich, ausgestattet mit hypermoderner Technik, wird im Inneren der Erde verortet und sei über Portale, etwa im Himalaya oder in der Antarktis, meist exklusiv für Arier zugänglich. Der häufig ironisch gebrochene Trend verknüpft unterschiedliche mythische Sagen, okkulte Figuren und theosophische Motive miteinander.37 In zahlreichen Kurzvideos tauchen etwa Karten des vermeintlichen Paradieses »Hyperborea« auf sowie Bezüge auf die Energie »Vril«, die im Sci-Fi-Roman The Coming Race von 1871 vom hochentwickelten Volk der Vril-Ya erfunden wurde. Bezüge wie diese sind auch in der NS-Esoterik von Bedeutung.38 Daher verwundert auch der Einsatz von SS-Uniformen, Reichsflugscheiben und antisemitischen Topoi in vielen viralen Videos kaum. Betrachtet man darüber hinaus weitere metrische Entwicklungen im Erhebungszeitraum, so treten insbesondere im Juni 2025 deutliche Verschiebungen zutage. So verzeichnen Hashtags wie #Zionism, #Zionist, #Deepstate und #Gazaholocaust in diesem Zeitraum einen auffälligen Anstieg. Da in dieselbe Phase auch der Zwölf-Tage-Krieg zwischen Israel und dem Iran fällt, liegt die Vermutung nahe, dass diese Ereignisse die beobachtete Dynamik mitgeprägt haben.
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Häufigkeit der erhobenen Beiträge unter den einzelnen Hashtags im Zeitverlauf pro Monat (Erklärung hier).
Dem viralen Aufstieg von #Agartha auf TikTok gingen bereits vereinzelte, spielerische Wiederbelebungsversuche auf Reddit im Jahr 2021 und auf X im Jahr 2023 voraus. Erste populäre Adaptionen auf TikTok lassen sich für das Jahr 2024 beobachten. Im vergangenen Jahr machten sich UserInnen einen Spaß daraus, die Fantasien der Hohlerde mit KI-generierten Videos und musikalischen Referenzen zu untermalen.39 Dass viele der Beiträge die Erzählung von der arischen Hohlerde nicht ernst nehmen, ist ganz offensichtlich. Gerade daraus speist sich jedoch ein Teil der viralen Dynamik um Agartha. Der Reiz liegt häufig darin, immer neue absurde Abwandlungen hervorzubringen, deren Komik wesentlich darauf beruht, dass sie nur für Eingeweihte verständlich sind. Dass Außenstehende die Anspielungen nicht einordnen können, ist dabei nicht bloß ein Nebeneffekt, sondern Teil ihres Unterhaltungswerts und macht zugleich fortlaufend neue Grenzziehungen und Kreativität erforderlich.
Zugleich zeigt sich, dass völkische und antisemitische Motive trotz oder gerade wegen der ironischen Wendung hier besonders gut zirkulieren können. Dass es sich dabei nicht ausschließlich um ein witziges Meme handelt, verdeutlicht beispielsweise der Anschlag von Jakarta im November 2025. Dort griff ein 17-jähriger Täter eine Moschee in einem Schulgebäude an und verletzte rund 50 Personen. Seine Waffen versah er, wie es bei rechtsterroristischen Attentaten mit Bezügen zur digitalen Kultur häufiger zu beobachten ist,40 mit verschiedenen Codes. Zwischen dem Neonazi-Slogan »Fourteen Words« und der Verherrlichung des Attentäters von Christchurch fand sich auch die Aufschrift »For Agartha«.41
Die zentrale Stellung von #Agartha im Datensatz zeigt sich auch in den Hashtags, die oft daneben auftreten. Neben »Vril« und damit verbundenen Figuren wie Yakub lassen sich auch Bezüge zu weiteren thematischen Clustern erkennen. Dazu gehören zum einen Verbindungen zur Gym- und Fitnesskultur sowie zum Looksmaxxing. Zum anderen treten im Umfeld von #Agartha antisemitische Chiffren auf, darunter das eingangs erwähnte Saft Paket Emoji sowie Zahlencodes wie 271 (oder 271k), die auf mögliche Formen der Holocaust-Relativierung verweisen. Ein weiteres Cluster formiert sich um die Hashtags #Zionism und #Zionist. In diesem Zusammenhang erscheinen vor allem politische Hashtags wie #freepalestine, #gaza oder #palestine. Vereinzelt finden sich jedoch auch Hashtags wie #deathtotheidf oder #fuckisrael, die auf eine mögliche Radikalisierung hindeuten. Ein drittes Cluster lässt sich schließlich um Begriffe wie #deepstate, #rothschild und #soros beobachten, die vor allem auf verschwörungstheoretische Inhalte hindeuten.
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Netzwerkdarstellung der erhobenen Hashtags im Datensatz (Erklärung hier).
Dennoch kommt ein ausschließlich hashtagbasierter Zugang auch an Grenzen. Er erfasst nur Kommunikation, die von ihren UrheberInnen entsprechend verschlagwortet wird. Dies ist jedoch nur eines von mehreren Merkmalen, über die sich Inhalte auf TikTok verbreiten. Ebenso können bestimmte Sounds, Bilder oder Videovorlagen zur Sichtbarkeit und Zirkulation beitragen. Hashtags bilden daher lediglich einen Ausschnitt des thematischen Feldes ab, nicht aber dessen gesamten Umfang.
Alte Leiern neu erzählt: Analyse der Beitragsinhalte
Da sich aus der Verwendung eines Hashtags allein noch keine verlässlichen Rückschlüsse auf die tatsächlichen Inhalte eines Beitrags ziehen lassen, wurde das Material in einem zweiten Schritt auf Grundlage einer gewichteten Zufallsstichprobe von 2.446 Beiträgen inhaltsanalytisch ausgewertet.42 Dabei wurde grundsätzlich zwischen eindeutig antisemitischen Inhalten, uneindeutig antisemitischen und weiteren für den Bedeutungszusammenhang relevanten Inhalten unterschieden. Als eindeutig antisemitisch wurden Beiträge verstanden, in denen Jüdinnen und Juden konkret abgewertet, ausgegrenzt oder stereotypisiert dargestellt werden, »weil sie Juden/Jüdinnen sind«.43 Solche Beiträge sind im Datensatz mit rund drei Prozent vergleichsweise selten vertreten. In der Folge wurden Beispiele zur Illustration ausgewählt, die sich aufgrund ihrer Anschaulichkeit besonders gut dazu eignen, zentrale Muster der jeweiligen Kommunikationsform zu verdeutlichen.
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Einordnung der Beiträge nach Relevanz und möglichen antisemitischen Bezug (Erklärung hier).
Unter ihnen ist beispielsweise ein Ausschnitt aus einem Vlog des Youtubers Kurt Caz.44 Im Beispielvideo redet er über eine Israel-Flagge auf dem Schild eines Geschäfts, zeigt sich über die Sympathie verwundert und kommentiert sie mit »they don’t like us, they don’t like Jesus«. Dem Video wurde das antisemitische Meme des Happy Merchant hinzugefügt, im Beschreibungstext heißt es »KURT CAZ IS NOTICING«. Dabei handelt es sich um die Anspielung auf »The Great Noticing«, eine antisemitische Verschwörungstheorie, die einen verdeckten, alles umfassenden jüdischen beziehungsweise israelischen Einfluss behauptet.
Ein weiterer Verweis auf eben diese findet sich in den Hashtags des zweiten Beispiels. Zu sehen ist dort eine Szene aus dem Film Limitless, in der der Protagonist unter dem Einfluss einer Droge seine kognitiven Fähigkeiten steigert und einen Autounfall vorhersagt. In der Überschrift heißt es, wie schnell man nach dem Great Awakening in der Lage sei zu erkennen, ob jemand jüdisch sei. Im Hintergrund läuft das hebräische Volkslied »Hava Nagila«. In der Beschreibung heißt es zudem: »I’m not your little Goy anymore«, was auf die Vorstellung verweist, sich einem imaginierten allmächtigen jüdischen Einfluss zu entziehen.
Das nächste Beispiel für eindeutigen Antisemitismus in der Reihe ist eine Videocollage. Zunächst wird dort die Nichtveröffentlichung der Epstein-Akten thematisiert. Anschließend werden Bilder von Donald Trump und Jeffrey Epstein sowie Trump in Begleitung junger Mädchen gezeigt. Daraufhin folgen Aufnahmen von Soldaten der israelischen Armee (IDF) in Gaza, die mit Kinderkleidung posieren. Etwa zur Mitte des Videos erscheint eine kurze, schnelle Dauerschleife des rechtsextremen Verschwörungstheoretikers Alex Jones, der wiederholt »Jew« in die Kamera ruft, während in der unteren Bildhälfte (vermeintlich) jüdische Personen eingeblendet werden. Daran schließt ein immer schnellerer werdener Zusammenschnitt von Israel-Flagge, Mondlandung und dem Anschlag auf das World Trade Center an, kurzzeitig unterlegt mit einem Ton aus dem Film Der Untergang, in dem Bruno Ganz als Adolf Hitler »Verräter, Versager« ruft. Das Video geht, mit einem HardBass-Beat untermalt, in rasantem Tempo mehrere Minuten weiter.
Uneindeutige Formen spielen dagegen mit indirekten Verweisen, kommunikativen Umwegen oder Codes, die weniger offen auf antisemitische Vorurteile oder Welterklärungen verweisen und häufig erst vor dem Hintergrund des jeweiligen Kontextes verständlich werden. Mit etwa 19 Prozent treten weniger eindeutige Beiträge in den Daten deutlich häufiger auf. Um diese zu erfassen, wurde dem engen Begriffsverständnis eine offene Kategorie gegenübergestellt. Als uneindeutig bzw. potenziell antisemitisch wurden solche Beiträge erfasst, die in Form von kommunikativen Umwegen oder stereotypisierenden Anspielungen operieren, »ohne Juden« eindeutig oder explizit als kollektives Feindbild zu markieren.45 Kennzeichnend ist dabei eine semantische Offenheit, die sowohl eine antisemitische Lesart als auch alternative Deutungen zulässt. Die Kategorie trägt dem Umstand Rechnung, dass Antisemitismus in der Literatur auch als »amorphe Projektionsfläche« ohne klar begrenztes Zielobjekt verstanden wird.46 Entsprechend richtet er sich nicht ausschließlich gegen Jüdinnen und Juden, sondern auch gegen jene, die von AntisemitInnen als vermeintliche »Juden« identifiziert werden.
Besonders prägnante Beispiele dieser Kategorie zeigen, wie sich Agartha mit antisemitischen Motiven verbindet. Dies gilt auch für den ersten abgebildeten Fall. Ein vergleichsweise unbekannter privater Account greift darin auf das bei CreatorInnen beliebte Konzept »We’re X. Of course we Y« zurück.47 Dort heißt es: »We’re from Agartha. Of course our grandpa is an Austrian painter«. Damit wird derselbe Verweis auf Hitler vollzogen, der bereits im eingangs erwähnten Fall von Lindemann auftauchte. Ein anderes Video spielt mit phonetischen Ambivalenzen. Nicht Demokraten, Republikaner, Trump oder Biden seien demnach das Problem, sondern »it’s the joose«. Veröffentlicht wurde der Beitrag von einem jungen US Amerikaner, der auf seinem Account ansonsten vor allem Looksmaxxing- und Gym-Content postet.
Politische Inhalte finden sich dort sonst kaum. Ein weiterer Beitrag zeigt einen Tankcontainer mit einem Schild, auf dem »Soy« steht. Darunter heißt es »Hit the jackpot«, daneben ist ein Lügengesicht-Emoji mit langer Nase (🤥) zu sehen. Das Emoji für sich genommen ist nicht antisemitisch per se, den möglichen Verweis zum antisemitischen Stereotyp der Hakennase liefert erst die verwendete Tonspur. Es handelt sich um ein bekanntes Audio des Ernährungs-Influencers Goatis, auch bekannt als Sv3rige,48 der eine vermeintlich ursprüngliche Ernährung auf Grundlage von rohem Fleisch propagiert. Der virale Satz »You never wanted chocolate, what you wanted is raw liver« legt nahe, dass moderne Bedürfnisse in Wahrheit fehlgeleitete Wünsche nach einem ursprünglichen Leben seien. Im weiteren Verlauf ist davon die Rede, man werde von »ihnen« manipuliert und lebe in einer Simulation. In welcher Beziehung Emoji und Audio zueinander stehen, bleibt der Interpretation der RezipientInnen überlassen.
Darüber hinaus wurden in unserer Untersuchung auch Beiträge berücksichtigt, die nicht antisemitisch sind, aber für den weiteren Bedeutungszusammenhang von Relevanz sein könnten, etwa wenn es einen thematischen Bezug zu Judentum, jüdischem Leben, dem Zionismus, der Debatte um Antisemitismus, dem Geschehen im Nahen Osten oder Verschwörungstheorien ohne erkennbare antisemitische Marker gibt. Etwa ein Drittel der ausgewerteten Beiträge entfiel auf diese Kategorie. 44 Prozent der Beiträge waren nicht relevant für das Forschungsvorhaben und wurden von weiteren Analyseschritten ausgeschlossen.
Erscheinungsformen: Graustufen des Antisemitismus
Eine weitere Analyseebene beschäftigt sich mit den Erscheinungsformen (potenziell) antisemitischer Inhalte. Unterschieden wurde dabei zwischen fünf Erscheinungsformen. Gewaltaufrufe sowie die Verherrlichung oder Relativierung von Gewalt gegen Jüdinnen und Juden finden sich in beiden Kategorien vergleichsweise selten und machen jeweils lediglich etwa zwei bis acht Prozent der Beiträge aus. Israelbezogene Formen liegen in beiden Kategorien im Bereich von 23 bis 25 Prozent. Tradierte stereotype Darstellungen jüdischer Personen treten deutlich häufiger in eindeutig antisemitischen Beiträgen auf, während Holocaust-Relativierungen oder positive Bezüge auf den Antisemitismus im Nationalsozialismus häufiger in uneindeutigen Beiträgen vorkommen. Verschwörungstheorien stellen mit Anteilen von etwa 44 Prozent in beiden Kategorien eine besonders verbreitete Erscheinungsform dar.
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Ausprägungen der Erscheinungsformen in eindeutigen und uneindeutigen antisemitischen Beiträgen (Erklärung hier).
Eindeutiger Antisemitismus drückt sich in tradierten Formen etwa da aus, wo der Talmud, Davidsterne und Teufelssymbole vor dem Gesicht von Hans Landa vorbeilaufen, dem SS-Standartenführer im Film Inglourious Basterds, gespielt von Christoph Waltz. Im vordergründigen Text heißt es: »When you’re so deep down the rabbit hole that there is no way back, and now you see connections everywhere«. Ein weiteres Beispiel ist der Trailer eines Computerspiels im synthetischen Look. Zu sehen ist die Figur eines älteren Mannes, der Münzen einsammelt. Während im Hintergrund wieder »Hava Nagila« läuft, ist eine Stimme zu hören, die sagt »That shine was promised to me«. Dieses Video ist Teil einer Werbekampagne auf TikTok für ein antisemitisches Spiel, das auch über die Plattform Steam vertrieben wird.
Während eindeutig antisemitische Beiträge häufig offen mit antisemitischen Klischees arbeiten oder sich affirmativ auf die Figur des sogenannten »Judenjägers« beziehen, treten Holocaust-Leugnungen und -Relativierungen vor allem in Gestalt uneindeutiger oder nur schwer erkennbarer Beiträge auf. Besonders häufig begegnet einem in diesem Zusammenhang der Zahlencode 271.000 in unterschiedlichen Varianten. Die Zahl bezieht sich auf ein historisches Dokument, in dem Sterbeurkunden von Häftlingen aus einigen Konzentrationslagern erfasst sind. Online wird dieses Dokument jedoch bewusst manipulativ als Beleg dafür angeführt, dass es deutlich weniger als sechs Millionen Opfer des Holocaust gegeben habe, obwohl es zur Bestimmung der Gesamtzahl der Opfer nicht geeignet ist.49
Auf TikTok wird der Zahlencode mitunter so subtil eingebunden, dass sein Bedeutungsgehalt für Außenstehende kaum erkennbar ist, etwa als Preis für einen Saft oder als Schadenswert eines Kobolds im Online-Spiel Clash Royale. Auch in diesen Beispielen ergibt sich ein möglicher Sinnzusammenhang erst aus dem Zusammenspiel verschiedener Komponenten. So erscheint die Aussage, sechs Euro seien zu viel für einen Saft, erst in einem anderen Licht, sobald der neue Preis von 2,71 Euro eingeblendet wird. Ohne Kenntnis des Zahlencodes und der phonetischen Ähnlichkeit im Englischen zwischen »Juice« und »Jews« bleibt jedoch unverständlich, dass der ursprüngliche Preis als Anspielung auf die sechs Millionen ermordeten europäischen Jüdinnen und Juden gelesen werden kann.
Sowohl eindeutig antisemitische als auch uneindeutige Beiträge beinhalten mit etwa 23 bzw. 25 Prozent relativ häufig auch israelbezogene Erscheinungsformen des Antisemitismus. In der Öffentlichkeit entzünden sich besonders in der Frage, ab wann die Kritik an Israel in Antisemitismus kippt, hitzige Kontroversen. Ein möglicher Gradmesser ist etwa die Unterscheidung, ob sich delegitimierende Aussagen auf Israel als einen Staat unter Staaten oder auf die Souveränität jüdischer Selbstbestimmung per se beziehen. Es kann daher herausfordernd sein, zwischen unsachgemäßer Kritik und antisemitischer Intention zu differenzieren.50 Als uneindeutig antisemitisch wurden unter anderem Beiträge wie jenes Beispiel erfasst, das Israel im Kontext der Blockade von Hilfsgütern dämonisiert. Eindeutig antisemitisch sind dagegen Beiträge, in denen Israel nicht als politischer Akteur, sondern als Chiffre jüdischer Macht erscheint.
So zeigt das zweite Beispiel einen Ausschnitt aus einer verschwörungstheoretischen Dokumentation aus dem Jahr 1987, in der die US-amerikanische Lobbygruppe AIPAC thematisiert wird. Dort wird behauptet, die Organisation kontrolliere den US-Kongress und instrumentalisiere Antisemitismusvorwürfe gegenüber Abgeordneten, die Israel kritisieren würden. Zudem heißt es, die Massenmedien seien jüdisch kontrolliert. Über den Ausschnitt wurde die Schrift gelegt: »and this is why any famous person that speaks against Israel has put his life in danger just like Charlie Kirk«.
Darstellungsformate: Die Grammatik im Feed
Um Reichweite mit antisemitischen Inhalten zu generieren, kommt es darauf an, die Sehgewohnheiten der jeweiligen Plattform zu bedienen. Dies passiert auf zwei Arten: Zum einen haben wir am Beispiel von Agartha gezeigt, dass populärer antisemitischer Content kaum von größeren Social-Media-Trends zu trennen ist. Zum anderen wird sich spezifischen Darstellungsformen bedient, um extreme Inhalte besser resonieren zu lassen. Unter den als eindeutig und uneindeutig antisemitisch klassifizierten Beiträgen haben wir fünfzehn verschiedene Darstellungsformen unterschieden. Am häufigsten haben wir Collagen vorgefunden, also eine Verbindung verschiedener Bilder und Videoclips, die in ihrer Kombination einen neuen Sinnzusammenhang ergeben.51 Hierbei stoßen insbesondere vermeintliche Tatsachenbehauptungen hervor, wie wir sie schon in früheren Untersuchungen vorgefunden haben.52
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Darstellungsformate antisemitischer TikToks unterschieden nach eindeutigen und uneindeutigen Inhalten (Erklärung hier).

Genauer möchten wir uns folgend mit Blick auf kulturelle Anschlussfähigkeit auf vier verschiedene Darstellungsformen fokussieren. Die Verpackung antisemitischer Inhalte in Memes ist in unserem Datensatz in uneindeutigen Formen des Antisemitismus besonders ausgeprägt, was ob der ironischen Untertöne und vielseitigen Interpretationsmöglichkeiten kaum überrascht. Ein interessanter Fall war die Kommentierung verschiedener Ereignisse mit den Worten »Well, well, well«, was auf den Hund Brian aus der Serie Family Guy zurückgeht, sich aber über verschiedene Online-Foren als ein Hinweis auf jüdische Einflussnahmen etabliert hat. Ein in anderer Hinsicht ambivalenter Trend zeigt den US-Influencer Logan Paul, der in SS-Uniform mit einem Symbol für einen niedrigen Kortisol-Spiegel53 abgebildet wird und dann oft mit Songs und Videos, die auf Agartha hindeuten, untermalt wird.54 Viele dieser Inhalte kommen aus einem ganz anderen Kontext, integrieren dann aber klassische oder visuelle oder sprachliche Codes. Diese memefizierte Form des Antisemitismus gilt auch in anderen Studien als ausschlaggebend für die Popularität antisemitischer Inhalte.55

Weiterhin ist die Nutzung von KI zur Erstellung von Bildern und Videos populär. Zumeist werden keine expliziten Aussagen künstlich generiert, sondern Clickbait produziert, der sich zur viralen Verbreitung besonders eignet. Einerseits finden wir KI-generierte Materialien, die sowohl in Ton, Text und Bewegtbild eine völlig synthetische Produktion bilden können. So gibt es Accounts, die ausschließlich KI-generierte Beiträge verbreiten. Diese zum Teil abstrusen Stories beziehen sich auf Trends wie Agartha oder basieren auf einer Minecraft-Spiele-Ästhetik. Teils werden solche Produktionen selbst unter dem Hashtag #brainrot als eine Art des Shitpostings veröffentlicht. Andererseits vermischen sich KI-generierte Inhalte mit LetsPlays aus dem Gaming-Bereich. Verbindungen zwischen Spielen (Counter Strike) und Trends (Agartha), verbunden mit dem Zeigen antisemitischer Codes (271) und Klischees, sind typisch für diese Remix-Kultur auf TikTok. KI kann dabei helfen, disparate Bezüge zu überbrücken und antisemitische Inhalte mit einfließen zu lassen.

Wie bereits angedeutet, werden Codes in Form von Zahlen, Hashtags oder Emojis außerdem genutzt, um uneindeutige Formen des Antisemtismus auszudrücken und Signale an Eingeweihte zu senden, während sie für andere harmlos klingen. Dieser Kommunikationsstil – oft mit der Metapher des Dogwhistling beschrieben – funktioniert insbesondere bei noch weniger bekannten Codes, die auch nicht gleich eingänglich sind. So wird etwa die Zahl 109 bemüht, um auszudrücken, dass in der Geschichte so viele Länder Jüdinnen und Juden des Landes verwiesen haben, verbunden mit der Frage, ob nicht doch etwas dran ist, dass es dafür einen guten Grund gäbe. Ein weiterer Hinweis, der nicht immer gleich verständlich ist, ist der Verweis auf Goyslop: eine Theorie, wonach Jüdinnen und Juden die Menschheit mit Nahrungsmitteln schlechter Qualität kleinhielten.56 Hierzu werden humoristisch aufgeladene Vergleiche zwischen Energy-Drinks hervorgehoben, um als Insider-Joke zu zeigen, dass man sich als Teil einer Vril-Kultur versteht, frei von jüdischen Einflüssen.
Positive Aneignung: Hashtags und Schlagwörter als Gegenmaßnahmen
Bei der hashtagbasierten Suche nach potenziell antisemitischen TikToks sind wir zu einem nicht unerheblichen Teil auch auf antisemitismuskritische und pro-zionistische Inhalte gestoßen. Insgesamt neun Prozent unserer als relevant, eindeutig oder uneindeutig klassifizierten TikToks setzen sich kritisch mit antisemitischen Trends auf der Plattform auseinander oder zeigen unter relevanten Hashtags ein positives Bild von jüdischer Kultur sowie des Staates Israel. Die positive Aneignung von antagonistischen Hashtags ist in sozialen Medien eine durchaus etablierte Praxis.57 Einerseits kann sie zum Ziel haben, einen Moment der Überraschung auszulösen, ganz im Sinne der Redirect-Methode, die in der Präventionspraxis als wirkungsvoll beschrieben wird. Zum anderen sollen im Sinne des Empowerments positive Inhalte mit Bezug auf jüdische Identität sichtbarer werden, um sich mit der Betroffenen-Rolle nicht zufrieden zu geben. Anders gesagt: Es wird die eigene Handlungsfähigkeit zelebriert.58

Die direkte Auseinandersetzung mit antisemitischen Inhalten erfolgt in unserem Material auf drei verschiedene Weisen: Zunächst werden einschlägige Hashtags genutzt, um über die eigentliche Bedeutung der dahinterstehenden Codes zu informieren. Diese aufklärerische Arbeit wird oft von Akteuren der politischen Bildung, aber auch von jüdischen InfluencerInnen durchgeführt, die sich insbesondere an unwissende Personen richtet, die die Inhalte nicht richtig einordnen können. Weiterhin finden wir (in geringerer Anzahl) konfrontative Inhalte, die sich in Form von Stitches oder indirekten Bezugnahmen mit konkreten UrheberInnen von antisemitischen Inhalten auseinandersetzen und sich so auch angreifbar machen für antisemitische Communities. Diese Interventionen sind auch darauf aus, Debatten anzustimmen. Nicht zuletzt finden wir eine Form von Humor und Selbstironie, die antisemitische Klischees überspitzen und die vorgeworfene Allmacht als eine Posse entblößt. Hierzu werden sich auch potenziell antisemitische Trends angeeignet und mit pro-israelischen Inhalten persifliert.

Die indirekte Auseinandersetzung zielt stärker auf eine Zelebrierung jüdischen Lebens und die Verteidigung des Staates Israel ab. Hier wird nicht explizit auf antisemitische Inhalte eingegangen, sondern es soll durch positive Darstellungen die eigene Stärke dargestellt werden und durch das Verlinken von relevanten Hashtags nur indirekt eine Auseinandersetzung mit den eigentlichen Inhalten stattfinden. Hierbei konnten wir drei Muster feststellen: Die Inhalte beziehen sich erstens auf den Staat Israel, zweitens auf seine Verteidigung und drittens auf antisemitische oder antizionistische Postings auf der Plattform. TikToks laden zu einem Perspektivwechsel ein und versuchen eine israelische Perspektive nachvollziehbar zu machen. Andere zeigen die Vielfalt der israelischen Gesellschaft und der jüdischen Kultur, um Klischees ins Leere laufen zu lassen und ein positives Kontrastbild zu zeigen. Schließlich sehen wir aber auch, wie sich innerjüdische Konflikte über TikTok ausbreiten, etwa wenn ultra-orthodoxe Jüdinnen und Juden den Staat Israel geringschätzen und das auf Zustimmung von antisemitischen Accounts trifft.
Reichweite: Zwischen Nische und Mainstream
Hinsichtlich der Reichweite zeigen sich Unterschiede zwischen eindeutig und uneindeutig antisemitischen Beiträgen. Die Hälfte der eindeutig antisemitischen Beiträge erreicht zwischen rund 900 und 16.500 Aufrufe, der Median liegt bei etwa 1.800 Views. Die Reichweite uneindeutiger Inhalte streut dagegen deutlich stärker. Zwar beginnt auch hier die untere Hälfte der Verteilung bei rund 850 Aufrufen, doch endet sie erst bei mehr als 27.000 Views. Die Unterschiede in der Reichweite ergänzen somit den bereits beschriebenen Befund zur Häufigkeitsverteilung. Uneindeutig antisemitische Beiträge sind im Datensatz nicht nur deutlich häufiger vertreten als eindeutig antisemitische Inhalte, sondern weisen auch eine breitere Streuung der Reichweite auf. Möglicherweise hängen diese Aspekte auch miteinander zusammen. Antisemitische Motive treten in den Daten somit häufig in ambivalenter Form auf und erreichen in dieser Gestalt teilweise auch eine große Verbreitung.
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Reichweite eindeutiger und uneindeutiger antisemitischer Beiträge (Erklärung hier).
So wurde etwa ein Beitrag, der einen Screenshot einer TikTok-Suche zeigt, fast fünf Millionen Mal aufgerufen. Zu sehen sind dort die Profile des Staates Israel, des israelischen Premiers Benjamin Netanjahu, der IDF und von AIPAC. In der Beschreibung heißt es: »didnt even notice im following 271«, was erneut als möglicher Verweis auf Holocaust-Relativierung gelesen werden kann. Auch hier findet sich #Agartha unter den Hashtags, im Hintergrund läuft ein Remix des 80s-Hits »Down Under« der australischen Band Men at Work. Diese popkulturelle Anspielung auf die Hohlerdtheorie erzielte auf YouTube bereits Abrufzahlen im zweistelligen Millionenbereich.59
Der reichweitenstärkste offen antisemitische Beitrag wurde TikTok-NutzerInnen fast zweieinhalb Millionen Mal ausgespielt. Zu lesen ist dort die Frage »ever wondered how barca won 2 trebles?«. Als Triple wird im Fußball der Gewinn von drei wichtigen Titeln in einer Saison bezeichnet. Im Hintergrund ist zunächst die jubelnde Mannschaft des FC Barcelona zu sehen. Es folgen Einstellungen, in denen Spieler des Teams mit Kippa an der Klagemauer oder beim Handschlag mit Netanjahu gezeigt werden, gefolgt von einer Reihe vermeintlicher Fouls, Handspiele und Fehlentscheidungen zugunsten der Mannschaft. Auch hier taucht Agartha in den Hashtags auf und auf der Tonspur läuft »Down Under«.
Auch bei den antisemitischen Erscheinungsformen zeigen sich Unterschiede in der Reichweite. Bei Beiträgen, die tradierte antisemitische Stereotype enthalten, liegen die mittleren 50 Prozent der Aufrufzahlen zwischen rund 900 und 6.300. Bei potenziell antisemitischen Beiträgen mit Israel-Bezug reicht dieser Bereich dagegen bis zu 60.000 Aufrufen. Noch höhere Reichweiten weisen lediglich gewaltvolle oder gewaltverherrlichende Beiträge auf. Dabei gilt es jedoch zu berücksichtigen, dass diese Kategorie sowohl in eindeutigen als auch in uneindeutigen Beiträgen insgesamt nur selten vorkommt und bereits wenige Fälle einen erheblichen Einfluss auf die Verteilung haben.
Wenn man die Reichweiten danach gliedert, in welcher Region ein Account erstmals registriert wurde, zeigt sich zudem, dass ein erheblicher Teil der Beiträge von Konten aus der DACH-Region auf Englisch erstellt wurde. Deutschsprachige Ausnahmen bilden lediglich ein paar wenige KI-Slop-Videos in Sandboxgame-Optik, bei denen auf der Tonspur unsinnige Geschichten erzählt werden, sowie ausufernde Erzählungen über die Familiengeschichte der Rothschilds. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den dazugehörigen Akteuren. Accounts, die mit mehreren Videos im Datensatz präsent sind, verbreiten entweder überwiegend für das Forschungsvorhaben irrelevante Inhalte oder KI-generierte Videos rund um Agartha und Vril.
Neben diesen Befunden verweist unsere Untersuchung auch auf Leerstellen. In der quantitativen Inhaltsanalyse wurden lediglich die einzelnen Beiträge in der Verbindung von Bild, Text, Ton, Caption und Hashtags ausgewertet. Die Kommentare unter den Beiträgen blieben dagegen unberücksichtigt. Gerade dort begegnete uns jedoch wiederholt besonders explizites Material, auch unter Beiträgen, die für sich genommen weder eindeutig noch potenziell antisemitisch waren. Teilweise entstand dabei der Eindruck, dass einzelne Beiträge als Honeypot fungierten und vor allem dazu dienten, antisemitische Kommentare auf sich zu ziehen.
Moderation: Was durch das Raster fällt
Die Verbreitung antisemitischer Inhalte auf einer Plattform wirft stets auch die Frage nach dem Moderationsverhalten auf. Dieses gestaltet sich vor dem Hintergrund der überwiegend kodierten Kommunikation als komplex. Denn wie wir gezeigt haben, werden Inhalte so aufbereitet, dass sie sich an die kulturellen Gegebenheiten der Plattform anpassen. Offener Hass soll auf TikTok (wie auch auf anderen Plattformen) von den zunehmend durch KI durchgeführten Moderationsmaßnahmen detektiert und gelöscht werden. Die Praxis sieht oft anders aus.60 Dennoch ist es möglich, dass Accounts kurzerhand gelöscht werden, weshalb viele Accounts offenen Antisemitismus weitgehend vermeiden. Sucht man nach eindeutigen Stichworten (wie »Kike« oder »Fuck Jews«), stößt man auf Warnhinweise, wohingegen Holocaust-bezogene Stichworte auch direkt Informationsseiten mit historischen Fakten verlinken. In unseren Daten betraf dies allerdings nur 0,3 Prozent des gesamten Materials.
Die Moderationsregeln, die aus den Community-Richtlinien hervorgehen, werden stets angepasst – ob aus Einsicht oder politischem Opportunismus, sei dahingestellt. So wird laut Eigenaussage des TikTokUSA-CEO Adam Presser beispielsweise das Wort »Zionist« als Hate Speech gewertet, wenn damit eine Herabwürdigung gemeint ist.61 Auch gab es Berichte, dass Saftpaket-Emojis in Kommentaren gelöscht62 und somit nun auch Dog Whistles und Codewörter als Hate Speech geahndet werden. Hieran zeigt sich, dass anerkannt wird, dass sich die einstigen kommunikativen Umwege heute zu einer offenkundigen Ausdrucksweise des Online-Antisemitismus entwickelt haben. Anders gesagt: Was einst als geheimer Code galt, gilt heute als zentraler Anlaufpunkt.
Dass TikTok also nun auch gegen Algospeak vorgeht, könnte die Verbreitung antisemitischer Inhalte deutlich einschränken. Deren ambivalente Kommunikation macht es allerdings schwieriger, klare Regeln darüber zu treffen, welche Inhalte legitim sind und wann wir es mit Overblocking zu tun haben. In unserem Datensatz waren knapp zwei Monate nach der Erhebung 24,33 Prozent der Beiträge, die wir als (potenziell) antisemitisch einstufen, gelöscht. Eine mögliche Interpretation wäre, dass TikTok auch nach längeren Zeiträumen noch moderativ gegen die Inhalte vorgeht. Allerdings gibt es keine Hinweise darauf, dass hier eine bestimmte Sorte von Inhalten bei der Löschung besonders überproportional betroffen ist. Eine ähnliche Quote (21,44 Prozent) lässt sich auch bei anderen Beiträgen in unserem Datensatz feststellen, die wir nicht als antisemitisch einstuften. Es zeigt sich kein signifikanter Unterschied in der Verfügbarkeit zwischen Beiträgen, die potenziell antisemitische Motive enthalten, und solchen, bei denen dies nicht der Fall ist.63 Viele der älteren als eindeutig klassifizierten Videos sind weiterhin online und für jedermann leicht zugänglich. Es ist daher naheliegend, dass trotz moderativer Bemühungen viele antisemitische Botschaften unter dem Radar bleiben und sich auch weiterhin viral verbreiten.
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Verfügbarkeit (potenziell) antisemitischer Inhalte und anderer Beiträge zwei Monate nach der Datenerhebung (Erklärung hier).
Zeichen und Zugehörigkeit: Ein Fazit
Online-Antisemitismus ist ein immer schwerer zu identifizierendes Phänomen. Das liegt an seiner Anpassungsfähigkeit, sich immer neue, plattformspezifische Ausdrucksformen zu erschließen. Durch die organische Integration dieser in bestehende virale Trends wird eine identitätsstiftende gemeinsame Praxis angeleitet. Der methodische Zugang über potenziell relevante Hashtags hat gezeigt, dass antisemitische Inhalte auf TikTok nicht leicht ideologisch zuordenbar sind: Keines der reichweitenstärksten Postings wurde von einschlägig bekannten Akteuren in Umlauf gebracht. Vielmehr können sich antisemitische Chiffren und Motive in virale Trends einschreiben. Besonders deutlich wird dies an der starken Präsenz von #Agartha im erhobenen Material.
Solche verschwörungstheoretischen Inhalte sind nicht primär durch antisemitische Motive gekennzeichnet. Vielmehr kommt Antisemitismus in diesem Zusammenhang als »kultureller Code« zum Ausdruck. Das Konzept wurde bereits in der historischen Forschung zum 19. Jahrhundert entwickelt und beschreibt, wie antisemitische Chiffren Zugehörigkeit zu einem antidemokratischen, antiliberalen oder antimodernen Weltbild signalisieren können.64 Er markiert Zugehörigkeit zu einer spezifischen, in diesem Fall digitalen Kultur, während der Rekurs auf das jüdische Feindbild vor allem eine Funktion für das Milieu selbst erfüllt – als Abgrenzung gegenüber Liberalismus und Moderne.65 So steht die Abwertung von Jüdinnen und Juden symbolisch für diese Ablehnung und wird zu einem identitätsstiftenden Angebot innerhalb der (digitalen) Kultur.
Zugleich zeigt sich, dass Antisemitismus in den untersuchten Beiträgen deutlich seltener offen zutage tritt. Die meisten der inhaltsanalytisch ausgewerteten Beiträge arbeiten mit Ambivalenzen, Mehrdeutigkeiten, Humor und Ironie. Besonders auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass gerade diese Formen deutlich häufiger den Holocaust anzweifeln oder relativieren und sich positiver auf den Vernichtungsantisemitismus des Nationalsozialismus beziehen. Hierbei lässt sich ein Trend des lustvollen Brechens mit gesellschaftlichen Tabus beobachten, das schließlich auch extremistischen Gruppen eine Vorlage bietet.66
Die Analyse legt nahe, dass Prävention nicht allein auf die Entlarvung bestimmter Inhalte des Online-Antisemitismus zielen kann. Relevant erscheinen vielmehr auch jene Faktoren, die antisemitische Kommunikation in digitalen Kontexten kulturell anschlussfähig machen. Dazu zählen spielerisch abwertende Elemente ebenso wie vergemeinschaftende Formen und die ästhetische Anziehung. Dass die weitreichendsten Inhalte heute von Accounts stammen, die durch unverhoffte Gratifikationen des TikTok-Algorithmus das Denken von insbesondere jungen Menschen mit antisemitischen Botschaften beeinflussen können, zeigt, wie schwer es ist, solchen Entwicklungen zu begegnen. Denn diese digitalen Kulturen sind nicht durch eine klare politische Positionierung, sondern durch eine Beliebigkeit in der Hingabe zu verschiedenen Digitaltrends charakterisiert. Dass Antisemitismus in seiner spezifischen digitalen Form nur einer von vielen ist, zeigt, wie normalisiert er insbesondere unter jungen Menschen ist.
Zitationsvorschlag: Wyn Brodersen, Michael Schmidt & Maik Fielitz, »Portionierter Judenhass. Eine Vermessung des Antisemitismus auf TikTok«, in: Machine Against the Rage, Nr. 9, Frühjahr 2026, DOI: 10.58668/matr/09.2.
- Siehe @BuettnerAndreas | 14:21 | 20. Feb. 2026; sowie Benjamin Lassiwe, »Verdacht auf Volksverhetzung«, in: Tagesspiegel, 23. Feb. 2026, online hier.
- Siehe Florian Kistler, »Antisemitismus und Hitler-Verteidigung ›aus Tüdeligkeit‹ «, in: Spiegel, 24. Feb. 2026, online hier.
- Dominik Lenze, »Mausgerutscht bei Hitler«, in: Tagesspiegel, 21. Feb. 2026, online hier.
- Siehe Linus Kebba Pook & Grischa Stanjek, »The Painter Was Right«. Antisemitic Content on Social Media Following the Release of the Epstein Files, hgg. v. democ (Berlin: 2026), online hier.
- Bundesverband RIAS, Antisemitische Vorfälle in Deutschland 2024, (Berlin: 2025), online hier; Bundeskriminalamt, »Politisch motivierte Kriminalität: Höchster Anstieg seit Beginn der Erfassung. Bundesweite Fallzahlen für 2024 veröffentlicht«, online hier.
- Tel Aviv University, Antisemitism Worldwide. Report for 2025, online hier.
- Tel Aviv University, Sharp Rise in Antisemitic Violence, Highest in Over Three Decades. Antisemitism Worldwide Report for 2025, online hier.
- Parvin Sadigh, »Großbritannien: Erneut versuchter Brandanschlag auf Synagoge in London entdeckt«, in: Die ZEIT, 19. Apr. 2026, online hier.
- »Mann sticht mehrere Menschen in einem jüdischen Viertel Londons nieder«, in: Die ZEIT, 29. Apr. 2026, online hier.
- »Vier Festnahmen nach Feuer an Synagoge in Rotterdam«, in: Der Spiegel, 13. März 2026, online hier.
- Explosion vor jüdischer Schule in Amsterdam, in: Tagesschau, 14. März 2026, online hier.
- »Staatsschutz: Drohbrief mit Patrone an jüdisches Gemeindezentrum geschickt«, in: Die ZEIT, 6. Feb. 2026, online hier.
- Joseph Röhmel & Sabina Wolf, »Anschlag auf israelisches Restaurant: Bekennervideo aufgetaucht«, in: BR24, 16. Apr. 2026, online hier.
- Zentralrat der Juden in Deutschland, Lagebild der jüdischen Gemeinden in Deutschland 2026, online hier.
- Die Ergebnisse dieser Befragungen kommen allerdings nicht ohne Einschränkungen daher. Grund dafür ist das Phänomen der sozialen Erwünschtheit. Demnach antworten Befragte häufig im Rahmen sozial akzeptierter Normen, da sie nicht als vorurteilsgetrieben gelten wollen. In diesem Kontext problematisierte auch 2018 ein unabhänger Expertenkreis Antisemitismus des Bundesministeriums des Innern und für Heimat, dass Antisemitismus meist nur im Kontext der Rechtsextremismusprävention erfasst und somit von vornherein begrenzt würde. Zudem wurde kritisiert, dass antisemitische Einstellungen in der Bevölkerung meist nur latent vorhanden seien und sich über standardisierte Fragebögen kaum erfassen lassen. Siehe dazu auch: Unabhängiger Expertenkreis Antisemitismus, Antisemitismus in Deutschland – aktuelle Entwicklungen, 2017, S. 53, online hier. Auch wenn einige Langzeitbefragungen inzwischen eine breitere Palette an Items abfragen und tiefere Einblicke liefern, bleibt vieles der damals formulierten Kritik auch heute noch aktuell.
- Oliver Decker, Johannes Kiess & Ayline Heller (Hg.), Vereint im Ressentiment. Autoritäre Dynamiken und rechtsextreme Einstellungen. Leipziger Autoritarismus Studie 2024, Psychosozial-Verlag, 2024; Katrin Brettfeld, Peter Wetzels, Jannik M.K. Fischer, Diego Farren & Rebecca Endtricht, »Krisenwahrnehmungen, Vertrauensverluste und die Verbreitung extremismusaffiner sowie antisemitischer Einstellungen bei Menschen in Deutschland 2021 bis 2025«, in: Uwe Kemmesies, Peter Wetzels & Beatrix Austin (Hg.), MOTRA-Monitor 2024/2025 (Wiesbaden) 2026, S. 126.
- A.a.O., S. 89f. und 127f.
- Matthias J. Becker, Laura Ascone, Matthew Bolton, Alexis Chapelan, Pia Haupeltshofer, Alexa Krugel, Karolina Placzynta, Marcus Scheiber & Victor Tschiskale, Celebrating Terror. Antisemitism online after the Hamas attacks on Israel, hgg. von: Decoding Antisemitism, 2023, online hier.
- Friedhelm Hartwig, Der 7. Oktober und der Gazakrieg als Analysebasis für Mainstreamingprozesse auf YouTube und TikTok. In: MOTRA-Monitor 2023/2024, 2025, S. 352–364.
- Gunther Jikeli, Antisemitism and Views of Israel on Social Media. X and TikTok Content Following the Hostage Release in October 2025, 2026, online hier.
- Institute for Strategic Dialogue, Amplifying Antisemitism. How Recommender Algorithms Serve Harmful Content to Children, online hier; Monika Hübscher & Nicolle Pfaff, »›Weil je mehr Klicks die haben, desto mehr wird es dann natürlich auch‹. Umgangsformen junger Menschen mit Antisemitismus und Hass in den sozialen Medien«, in: Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Netzkulturen und Plattformpolitiken, Nr. 14 (2023), S. 178–191.
- Blue Square Alliance Against Hate, Coded, Conspiratorial, and Accelerated: The State of Antisemitism Online. 2025 Year in Review, 2026, online hier.
- FRA – European Union Agency for Fundamental Rights, Jewish People’s Experiences and Perceptions of Antisemitism, Wien, 2024, S. 29, online hier.
- Siehe Daniel Miehling, Online-Antisemitismus verstehen: Hassrede im Web 2.0. Eine vergleichende Studie zwischen der Mainstream-Plattform X und Fringe-Communities auf Telegram, (Baden-Baden: Nomos), 2024; Helena Mihaljević & Elisabeth Steffen, How toxic is antisemitism? Potentials and limitations of automated toxicity scoring for antisemitic online content, 2023, online hier; Marc Tuters & Sal Hagen, »(((They))) rule: Memetic antagonism and nebulous othering on 4chan«, in: New Media & Society, Nr. 12, Jg. 22 (2020), S. 2218–2237, DOI: 10.1177/1461444819888746; Yiting Qu, Xinlei He, Shannon Pierson, Michael Backes, Yang Zhang & Savvas Zannettou, »On the Evolution of (Hateful) Memes by Means of Multimodal Contrastive Learning«, in: 2023 IEEE Symposium on Security and Privacy (SP), 2023, S. 293–310; Monika Schwarz-Friesel, Judenhass im Internet. Antisemitismus als kulturelle Konstante und kollektives Gefühl, (Leipzig: Hentrich & Hentrich), 2019; Corinne Heuer & Thilo Manemann, Antisemitische Propaganda auf Instagram: Ein Risikofaktor für ausländische Einflussnahme, hgg. von CeMAS, online hier.
- Sabine Feierabend, Thomas Rathgeb, Yvonne Gerigk & Stephan Glöckler, JIM-Studie 2025. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger, Stuttgart, 2025, S. 32.
- Joe Tidy, »TikTok algorithm promoted anti-Semitic death camp meme«, in: BBC News, 8. Juli 2020, online hier.
- Deborah Schnabel & Eva Berendsen, Die TikTok-Intifada – Der 7. Oktober & die Folgen im Netz. Analyse & Empfehlungen der Bildungsstätte Anne Frank, Frankfurt am Main (2026), online hier.
- »Der Krieg in sozialen Medien: TikTok löscht eine halbe Million Videos binnen einer Woche«, in: Der Spiegel, 16. Okt. 2023, online hier.
- Dear TikTok, online hier.
- Marcus Bösch & Tom Divon, »The sound of disinformation: TikTok, computational propaganda, and the invasion of Ukraine«, in: New Media & Society, Nr. 9, Jg. 26 (2024), S. 5081–5106, DOI: 10.1177/1461444824125.
- Julian Hohner, Azade Esther Kakavand & Sophia Rothut, »Analyzing radical visuals at scale. How far-right groups mobilize on TikTok«, in: Journal of Digital Social Research, Nr. 1, Jg. 6 (2024), DOI: 10.33621/jdsr.v6i1.200.
- Wyn Brodersen & Maik Fielitz, »The Ominous Allure of Online Antisemitism. Ambivalent Participation in the Practice of Digital Hate«, in: Florian Hartleb (Hg.), Antisemitism on the Rise. New Ideological Dynamics, Wien (2024), S. 55–67.
- Tobias Ebbrecht-Hartmann, »Memefizierter Antisemitismus. Protest und antisemitische Projektion auf TikTok, Instagram & Co im Schatten des 7. Oktobers, 2024«, S. 9, online hier; Mohamed Salhi & Yasmine Goldhorn, »Memefication of antisemitism. Antisemitic content on TikTok – a multimodal ethnographic analysis«, in: Matthias J. Becker, Markus Scheiber & Uffa Jensen (Hg.), Imagery of Hate Online, Cambridge 2025, S. 119; Wessel Joosten, “The Anti-Semite Likes to Play With Discourse”: Examining the Circulation of Coded Antisemitic Narratives in Instagram’s Multimodal Spaces, in: Diggit Magazine vom 5.5.2026, online hier.
- Miles Behar, Noam Biron, Leila S. Bloom, Maya Drabenstot, Orly Goldstein, Lucas Hibner, Ben Hochman, Maya Nakar, Luca Rignot, Jessica Rosenthal, Katharina Soemer & Gunther Jikeli, The Image of Israel on X and TikTok after 10/7, Bloomington, Indiana, 2024, online hier.
- Siehe unsere Rubrik Radar in dieser Ausgabe.
- Das detaillierte methodische Vorgehen ist im Annex zur Ausgabe dokumentiert.
- Als Theosophie wird eine Weltanschauung bezeichnet, die verschiedene mythische oder religiöse Elemente miteinander verbindet und von einer verborgenen Ordnung hinter der sichtbaren Welt ausgeht.
- Julian Strube, Vril. Eine Okkulte Urkraft in Theosophie und Esoterischem Neonazismus, Boston: Brill (2013), S. 128ff.
- Besonders prägnant ist die Verbindung mit dem Energy Drink »Monster White«, der in einschlägigen Beiträgen häufig als eine Art arische Eintrittskarte inszeniert wird, sowie mit einem Remix vom 80s-Hit »Down Under« der australischen Band Men at Work.
- Robert Evans, »Shitposting, Inspirational Terrorism, and the Christchurch Mosque Massacre«, in: Bellingcat, 5. Mai 2026, online hier.
- Jerome Wirawan & Aleks Phillips, »More than 50 people injured in blast at mosque in Jakarta school complex«, in: BBC News, 7. Nov. 2025, online hier.
- Siehe dazu Erläuterung des methodischen Vorgehens.
- Zunächst wurde ein engerer Begriff von Antisemitismus zugrunde gelegt, um Ambivalenzen in der Kommunikation nicht zu verschleiern, sondern sie im Kontrast zu eindeutigen Erscheinungsformen analytisch herauszustellen. Vgl. The Nexus Document, online hier.
- Der südafrikanische Influencer wurde vor allem durch Reise- und Abenteuer-Vlogs bekannt. Kürzlich fiel er durch rassistische Aussagen im Stil der Identitären Bewegung auf, wenn er etwa von der »Überfremdung Europas« sprach.
- Lars Rensmann, Politischer Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter (Baden-Baden: Nomos, 2025), S. 47.
- A.a.O., S. 48.
- »We are X. Of Course We are Y«, in: Know Your Meme, online hier.
- »Goatis – Sv3rige«, in: Know Your Meme, online hier.
- Es gehört zur Widersprüchlichkeit antisemitischer Kommunikation, dass TikToks mit dem Hinweis auf diesen Codes mit Musik der Band t.A.T.u. unterlegt werden, die dann wiederum singen: »This is not enough«. Dieses Zusammenspiel aus Holocaustleugnung und dem Wunsch seiner Wiederholung oder Ausweitung (oft unter dem Hashtag #6m) ist aus der Nachkriegsgeschichte des Holocaust in vielerlei geschichtsrevisionistischen Kreisen bekannt. Siehe Arolsen Archives, Faktencheck: Dieses Dokument relativiert nicht den Holocaust!, online hier.
- Da die dahinterliegende Intention in der Praxis kaum festzustellen ist, wurde bereits im Nachgang des Sechs-Tagekriegs die Metapher bemühte, dass der Antizionismus im Antisemitismus enthalten sei »wie das Gewitter in der Wolke«. (Siehe: Jean Amery, »Der ehrbare Antisemitismus«, in: Die ZEIT, 25. Jul. 1969, online hier.) Wissenschaftlich wie juristisch ist die Bewertung dieser Aspekt äußerst komplex, insbesondere dann, wenn die dabei angelegten Maßstäbe nicht nur im Einzelfall, sondern universell gültig sein sollen (siehe Thomas Haury, »Anti-Zionism and the Controversy About the Definition of Antisemitism«, in: Society, Nr. 1, Jg. 62 (2025). DOI: 10.1007/s12115-024-01047-8).
- Yaakov Kirschen, »Memetics and the Viral Spread of Antisemitism Through ‘Coded Images’ in Political Cartoons«, in: Charles Asher Small (Hg.), The Yale Papers: Antisemitism in Comparative Perspective (New York, 2010: Institute for the Study of Global Antisemitism and Policy), S. 435–456, online hier.
- Maik Fielitz, Christian Donner, Hendrik Bitzmann, Wyn Brodersen, Holger Marcks, Harald Sick, Lisa Bogerts & Pablo Jost, »Five Shades of Hate. Gruppenbezogene Abwertung in Zeiten der Memifizierung«, in: Machine Against the Rage, Nr. 5, Winter 2024, DOI: 10.58668/matr/05.2.
- »Cortisol Level Spike«, in: Know Your Meme, online hier.
- »Paul Logan. Never Stress«, in: Know Your Meme, online hier.
- Ebbrecht-Hartmann, »Memefizierter Antisemitismus«.
- Siehe dazu: Andrew Lapin, »Florida’s anti-Israel GOP candidate James Fishback is railing against ›goyslop‹. What is he talking«, in: JTA, 10. Feb. 2026, online hier.
- Viktor Chagas, Rodrigo Carreiro, Nina Santos & Guilherme Popolin, »Far-Right Digital Activism in Polarized Contexts: A Comparative Analysis of Engagement in Hashtag Wars«, in: Media and Communication, Nr. 4, Jg. 10 (2022), S. 42–55, DOI: 10.17645/mac.v10i4.5622.
- Tom Divon & Tobias Ebbrecht-Hartmann, »#JewishTikTok. The JewToks‘ Fight against Antisemitism«, in: Trevor Boffone (Hg.), TikTok Cultures in the United States, Routledge: London (2022), S. 47–58.
- Know Your Meme, »Agartha«, online hier.
- Deborah Schnabel & Lilith Jogwer, »TikTok als antisemitischer Radikalisierungstunnel«, hgg. von Bundeszentrale für Politische Bildung, online hier.
- »TikTok under fire for ban of ›Zionist‹«, Roya News, 25. Jan. 2026, online hier.
- Know Your Meme, »What Does The ‚Juice‘ Emoji Mean And Is It Banned On TikTok? The Controversial Meaning Of The ‚Juice Box‘ Emoji Explained«, online hier.
- Die Aussagekraft der erhobenen Daten hinsichtlich der Nichtverfügbarkeit von Beiträgen ist jedoch begrenzt. Es lässt sich nicht eindeutig feststellen, ob nicht mehr verfügbare Beiträge durch TikTok oder durch die UserInnen selbst oder aus anderen Gründen entfernt wurden. Zudem ist kein Abgleich mit einer Zufallsstichprobe möglich, sondern lediglich mit Beiträgen, die über dieselben Hashtags erhoben wurden.
- Shulamit Ṿolḳov, Antisemitismus als kultureller Code. Zehn Essays, Band 1349, München: C.H. Beck, 2000.
- Leo Roepert, »Editorial: Antisemitismus als Code«, in: Aschkenas, Nr. 2, Jg. 32 (2022), S. 197–203.
- Maik Fielitz & Wyn Brodersen, Handbook on Online Antisemitism, hgg. von Europäische Kommission, online hier.