Antisemitische Achsen
Linker und islamistischer Judenhass in Deutschland nach 7/10
»Eure Bewegungen sind sehr wichtig«. Das versicherte Hossam Badran, hochrangiges Mitglied der Hamas, im November 2023 der Organisation Masar Badil. Die Aussage fiel in einem öffentlich zugänglichen Zoom-Seminar – simultanübersetzt, mitverfolgt von Dutzenden TeilnehmerInnen aus westlichen Staaten. »Die Führung des Widerstands« erhalte täglich Berichte über Proteste im Westen. »Selbst wenn es sich nur um eine kleine Stadt handelt, verfolgen wir alles im Detail.« Die linken Bewegungen hätte, so Badran, »eine wichtige Rolle bei der Umkehrung des zionistischen Narrativs gespielt …, das den Widerstand als barbarisch und terroristisch darstellte.«[1]
Die Diskursräume, auf die Badran abzielt, haben sich spürbar und anhaltend verschoben. Was nach dem 7. Oktober 2023, in dessen Folge sich eine massive Zunahme des Judenhasses in Deutschland feststellen lässt, zunächst als Welle beschrieben wurde, hat sich als Dauerzustand etabliert. Er hält weitestgehend unabhängig vom konkreten Kriegsgeschehen im Nahen Osten, etwa der Waffenruhe im Oktober 2025, an. Eine solche, massive Zuspitzung antisemitischer Gefährdungen entsteht nicht im luftleeren Raum. Ihr liegt eine Normalisierung des israelbezogenen Antisemitismus in breiten Teilen der Gesellschaft zugrunde, die seit Jahren von professionell agierenden Extremisten on- und offline forciert wird.[2] Die Konturen dieser Entwicklungen sollen im Folgenden dargestellt werden.
Dieser Recap fasst die Ergebnisse verschiedener Beiträge zusammen, an denen der Autor beteiligt war:
- Democ, Terrorpropaganda für den Westen. Die antiisraelische Organisation »Masar Badil«, Berlin 2024, online abrufbar hier.
- Democ, Israelfeindliche Netzwerke. Die Anadolu Gençlik Derneği (AGD) und ihre Verbindung zur Hamas, Berlin 2025, online abrufbar hier.
- Democ, Antisemitische Cyberbedrohungen im Schatten des Iran-Israel-Konflikts. Ein Lagebild für Politik, Behörden und jüdische Institutionen in Deutschland, Berlin 2026, online abrufbar hier.
Getragen werden diese Entwicklungen von Achsen, die sich digital formieren und dabei als transnationale Allianzen fungieren. Die Diskursverschiebung, in deren Sog sich etwa Personen des öffentlichen Lebens in einer Weise zum israelisch-palästinensischen Konflikt äußerten, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre, leistet den antisemitischen Taten Vorschub. Antisemitische Akteure handeln entschlossener, wenn sie große Teile der Gesellschaft hinter sich wähnen.[3]
Das brachte schon der antisemitische, rassistische und misogyne Terrorist aus Halle im Jahr 2019 vor Gericht zum Ausdruck, als er sich als bewaffneten Arm einer imaginären, schweigenden Mehrheit darstellte.[4] Es gilt aber auch für weniger gewaltvolle Akte des Antisemitismus. Auch »israelkritische« Positionen, die für sich genommen grundgesetzlich geschützt sind und deren VertreterInnen sich von Antisemitismus abgrenzen mögen, tragen so zu einem Klima bei, in dem solcher ausgelebt wird. Feststellbar ist aber auch: Der grassierende Antisemitismus und die israelfeindlichen Protestbewegungen sind, anders als oft dargestellt, nicht einfach nur Ausdruck des humanitären Mitgefühls. Professionalisierte extremistische Akteure haben unmittelbar nach dem 7. Oktober damit begonnen, den Diskurs gezielt zu verschieben, und waren damit offenkundig erfolgreich.
8.725 antisemitische Vorfälle in einem Jahr in Deutschland – das ist die Bilanz, die der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Bundesverband RIAS) für das Jahr 2025 jüngst vorlegte.[5] Ein Viertel davon ereignete sich online, wobei nur solche Vorfälle erfasst werden, die sich direkt gegen Personen oder Institutionen richten. Die Dunkelziffer sowie die Zahl digitaler antisemitischer Hassrede ohne direkte AdressatInnen dürfte um ein Vielfaches größer sein. 68 Prozent der Vorfälle ordnet RIAS dem israelbezogenen Antisemitismus zu. Das ist, wie bereits im Vorjahr, die mit Abstand häufigste Erscheinungsform. Gezählt sind darin knapp 34 Versammlungen mit antisemitischen Vorkommnissen pro Woche. Im gesamten Jahr gab es vier Fälle extremer Gewalt, 178 Angriffe und 257 Bedrohungen. Dabei erreichten die Vorfälle sowohl mit rechtsextremem als auch die mit linkem bzw. antiimperialistischem Hintergrund neue Höchststände.
Die linke Achse: Masar Badil
In Berlin werden viele der propalästinensischen Proteste – teils als Massenveranstaltungen mit bundesweiter Strahlkraft – von Kreisen aus dem Umfeld der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) organisiert. Strukturen wie die um den Vorsitzenden der Demokratischen Komitees Palästinas (DKP), Ibrahim I., sollen laut Geheimdiensten in der Hauptstadt seit über vierzig Jahren aktiv sein.[6]
Neben den DKP, die über Jahre vornehmlich mit kurzen PFLP-nahen Protestaktionen am Brandenburger Tor und dem Begehen der Jahrestage der PFLP-Gründung auffielen, wurden in den vergangenen Jahren mindestens zwei weitere Proxy-Organisationen aktiv: Masar Badil und Samidoun. Masar Badil entstand 2020 im Umfeld von Samidoun, einem Netzwerk, das der auf der EU-Terrorliste stehenden PFLP nahesteht und seit November 2023 in Deutschland verboten ist. Führende Köpfe – darunter Khaled Barakat und Charlotte Kates – gründeten Masar Badil teils als eine Art Fortführungsstruktur unter dem Eindruck der zunehmenden internationalen Repression gegen Samidoun.[7]
Die Organisation lehnt das Existenzrecht Israels kompromisslos ab und tritt weltweit explizit für die Solidarität mit dem bewaffneten Kampf ein. Ihr Alleinstellungsmerkmal: Online-Seminare, in denen ranghohe Funktionäre der Hamas, des Islamischen Dschihad in Palästina und der jemenitischen Huthi-Rebellen mit westlichen AktivistInnen in direkten Austausch gebracht werden. Schon genannter Hamas-Sprecher Badran bedankte sich in einem dieser Online-Seminare ausdrücklich bei linken Bewegungen im Westen. Nasr al-Din Amer, stellvertretender Leiter der Medienbehörde der jemenitischen Huthis, forderte in einem anderen Seminar zur direkten Unterstützung auf: »Personen mit technischen und ingenieurwissenschaftlichen Kenntnissen können sich direkt mit Widerstandsgruppen in Palästina in Kontakt setzen oder, falls dies schwierig ist, mit anderen engagierten Gruppen außerhalb Palästinas.«[8]
Eine dieser Gruppen, die als Scharnier fungieren sollen, ist offenbar Masar Badil. Die Seminare werden simultan ins Englische und Spanische übersetzt; die TeilnehmerInnen kommen aus westlichen Staaten, darunter Deutschland. Wie gefährlich deren Propaganda auch für die innere Sicherheit westlicher Staaten werden kann, zeigt die Reaktion auf den antisemitischen Doppelmord an israelischen DiplomatInnen in Washington, D.C., im Mai 2025: Der führende Kader und frühere PFLP-Funktionär Khaled Barakat, bezeichnete die Tat auf der Masar-Badil-Webseite als »natürliche und legitime Antwort« auf israelische Politik und lobte den Täter als Vorkämpfer des Widerstands.[9] Masar Badil ist in Deutschland bis heute nicht verboten.
Israelfeindliche Teile der extremen Linken blicken auf Masar Badil und Samidoun primär als Gegenstand antipalästinensisch motivierter Repression: So stellte etwa das European Legal Support Centre (ELSC), das Rechtshilfe für Aktivisten organisiert, die gemeinsam mit den anerkannten forensischen NGOs Forensic Architecture and Forensis erstellte Plattform »Index of Repression« im Mai 2025 auf einer Pressekonferenz vor. Mit auf der Bühne: der führende Kopf von Samidoun in Deutschland, Zaid T.[10]
Auch die Debatte um den Entzug der Staatsbürgerschaft kurz nach einer Einbürgerung zeigt die Äquidistanz, mit der teils auf antisemitische und gewaltverherrlichende Propaganda mit Bezug zum israelisch-palästinensischen Konflikt geschaut wird: »Egal wie man die Posts inhaltlich bewertet«, schrieb die populäre Initiative »Leave no one behind« in einem Instagram-Post im Mai 2026, »Grundrechte sind nicht verhandelbar«.[11] Während Letzteres unzweifelhaft stimmt und über die Vereinbarkeit mit der derzeitigen Regelung der Rückabwicklung einer Einbürgerung innerhalb von zehn Jahren, wenn in deren Zuge getäuscht wurde, gestritten werden kann, sollte die Bewertung der ausschlaggebenden Posts, die augenscheinliche Hamas-Terroristen als Helden feierten, nicht »egal« sein.
Die islamistisch-nationalistische Achse: AGD
Neben dem PFLP-nahen Milieu prägen auch islamistische Strukturen das Bild Berliner Protestdynamiken. Die Anadolu Gençlik Derneği (AGD), eine türkische Jugendorganisation aus dem Umfeld der Millî-Görüş-Bewegung, firmiert in Deutschland als eingetragener Verein – formal eine religiöse Vereinigung, die Kunst, Kultur und Bildung fördert. Tatsächlich verfolgen AGD und die ihr nahestehende Millî-Görüş laut Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen ein schariabasiertes Gesellschaftsmodell, das im Widerspruch zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung steht.[12]
Die Verbindungen zur Hamas sind über Social Media offen dokumentiert. Führende Politbüromitglieder traten bei AGD-Großveranstaltungen in der Türkei auf; Hamas-Funktionär Fathi Hamad überreichte dem AGD-Vorsitzenden persönlich eine Auszeichnung – als Dank dafür, dass die AGD unter allen Jugendbewegungen der islamischen Welt seit dem 7. Oktober die größte Unterstützung geleistet habe. Die Vernichtungsrhetorik dieser Auftritte war unverblümt.[13]
In Deutschland agiert die Berliner AGD als stiller Mitorganisator im Hintergrund antiisraelischer Veranstaltungen – sie rief nahezu zu allen Kundgebungen des Protestbündnisses Justice48 auf, das bis Ende 2024 israelfeindliche Großdemonstrationen in Berlin organisierte, ohne ihre zentrale Rolle dabei öffentlich zu kommunizieren. Dasselbe Netzwerk sammelt unter teils intransparenten Strukturen Spendengelder vorgeblich für humanitäre Zwecke in Gaza; öffentlich einsehbare Bilanzen oder Verwendungsnachweise fehlen bis heute.[14]
Wie die AGD von der israelfeindlichen Mobilisierung profitieren konnte, zeigt das Beispiel des Influencers Abed Hassan: Über Monate hinweg wurde er in verschiedenen Medienformaten unkritisch als vermeintlich authentische »deutsche Stimme aus Gaza« präsentiert. Dabei lassen sich schon in früheren öffentlichen Äußerungen deutlich einseitig gegen Israel gerichtete Positionen erkennen, die in der medialen Darstellung unbeachtet blieben. Mittlerweile ist eine Verbindung zur AGD im Kontext von Milli-Görüş-Netzwerken sichtbar geworden. Hassan nimmt dort nicht nur an religiösen Veranstaltungen teil, sondern tritt auch als prominenter Gast auf.[15]
Wie die Verbindung zwischen Online-Propaganda und physischer Gewalt in der Praxis konkret aussehen kann, zeigte sich beispielhaft am Abend des 17. Oktober 2023. Nach der Explosion am al-Ahli-Krankenhaus in Gaza und der binnen Stunden viral gegangenen Falschbehauptung, Israel habe das Krankenhaus beschossen, versammelten sich in Berlin Tausende zu spontanen Protesten. Nach der Auflösung der Kundgebungen nahe dem Regierungsviertel eskalierte die Lage auf der Sonnenallee. Später in der Nacht flogen Molotowcocktails auf eine Synagoge in Berlin-Mitte.[16]
Die staatliche Dimension: Iran und Cyberbedrohungen
Im August 2024 trat Charlotte Kates, Aktivistin von Samidoun und Masar Badil sowie Ehefrau Khaled Barakats, im iranischen Staatsfernsehen IRIB Ofogh auf, um über die Repression in ihrem Heimatland Kanada zu sprechen.[17] Dieser Auftritt und die regelmäßige Verherrlichung der Islamischen Republik Iran auf der Webseite von Masar Badil markieren die Schnittstelle zwischen vermeintlicher Zivilgesellschaft, als die sich antiisraelische Akteure im Westen darstellen, und staatlichen Propagandaapparaten.
Ein democ-Lagebild zu antisemitischen Cyberbedrohungen im Kontext des Iran-Israel-Konflikts dokumentiert:[18] Iranische Cybereinheiten und ideologisch motivierte Hacktivistengruppen, die sich in pro-iranischen Netzwerken organisieren, begleiten militärische Eskalationen mit koordinierten Angriffswellen. DDoS-Attacken, Leak-Kampagnen, Desinformation und Social Engineering gehen dabei Hand in Hand – ausgeführt von staatlichen Akteuren und Proxynetzwerken, die kaum voneinander zu trennen sind. Allein bis Mitte März 2026 wurden über 1.100 Cybervorfälle durch mehr als siebzig Gruppen registriert – eine der größten koordinierten Hacktivistenreaktionen, die bislang dokumentiert wurden.
Für Deutschland bedeutet das konkrete Bedrohungslagen. Die Hackergruppe »BD Anonymous« griff im März 2026 unter der Parole »Operation Electronic Holocaust« deutsche Kommunalverwaltungen an und begründete dies mit fehlender Solidarität für Palästina. Die explizit antisemitische Rahmung – Gleichsetzung Israels mit dem Nationalsozialismus, Instrumentalisierung des Holocaustbegriffs als Kampfbezeichnung gegen jüdische Ziele – ist dabei strategisches Mittel, kein rhetorischer Überschuss.
Die Gruppe Handala, die dem iranischen Geheimdienst zugerechnet wird, betreibt seit Oktober 2025 eine Doxxing-Webseite mit persönlichen Daten israelischer Sicherheitskräfte, versehen mit Kopfgeldern von bis zu 50.000 US-Dollar für Hinweise auf deren Aufenthaltsort; Sicherheitsforscher sehen ein übertragbares Risiko für israelische StaatsbürgerInnen und jüdische Organisationen im Ausland.[19]
Auch pro-russische Gruppen wie »NoName057(16)« haben sich formal der pro-iranischen Koalition angeschlossen – der Angriffsradius auf Europa hat sich damit erheblich vergrößert. Hinzu kommt das Phänomen des Spying-as-a-Service: Kommerzielle Überwachungstools, die staatlichen wie nichtstaatlichen Akteuren gegen Bezahlung zur Verfügung stehen, senken die technische Einstiegshürde für gezielte Spionageoperationen erheblich. Einzelpersonen – jüdische AktivistInnen, Journalisten, Mitarbeitende von Organisationen mit Israelbezug – und Institutionen können so ohne den Aufwand staatlicher Geheimdienststrukturen zum Ziel werden.
Dass iranische Operationen häufig zeitverzögert aktiviert werden und vorpositionierte Zugänge in kritischer Infrastruktur auf noch bevorstehende Operationen hindeuten, unterstreicht: Es handelt sich nicht um isolierte Vorfälle, sondern um hybride Kriegsführung mit Deutschland als ausdrücklichem Ziel.
Democ konnte zudem einen Datensatz verifizieren, der personenbezogene Daten israelischer StaatsbürgerInnen mit auch deutscher Staatsbürgerschaft enthält – gezielt wiederveröffentlicht mit Aufrufen, diese Informationen gegen »Zionisten« zu nutzen. Betroffene werden so zu konkreten Zielen für Phishing, Einschüchterung und Doxxing. Bereits 2025 hatte der Berliner Verfassungsschutz vor Social-Engineering-Operationen iranischer Cybergruppen gegen Personen mit Bezug zu jüdischen oder pro-israelischen Organisationen gewarnt.[20]
Dass die digitale und die physische Ebene dieser hybriden Kriegsführung eng verzahnt sind, zeigt auch das Beispiel des Terrorlabels Harakat Ashab al-Yamin al-Islamiyya (HAYI), eine Gruppe, die im März 2026 erstmals online in Erscheinung trat und seitdem 17 Anschläge in sieben europäischen Ländern beansprucht hat, darunter Brandanschläge auf Synagogen in Belgien, den Niederlanden und London, einen Messerangriff auf zwei jüdische Männer im Londoner Stadtteil Golders Green sowie einen Angriff auf ein israelisches Restaurant in München.
Sicherheitsforscher gehen davon aus, dass HAYI möglicherweise eine bewusst konstruierte Tarnstruktur ist, das die staatliche Urheberschaft von Anschlägen – in diesem Fall durch die Islamische Republik Iran – gezielt verschleiert. Eingesetzte Täter wurden teils über soziale Medien rekrutiert und bezahlt; ein Minderjähriger in Paris gab an, über das Netz angeworben worden zu sein. Die Propaganda der Gruppe verbreitet sich primär über X und Telegram, wo pro-iranische Nachrichtenkanäle und mit irakischen schiitischen Milizen verbundene Accounts als Verstärker fungieren.[21] Die Mobilisierung zu physischer Gewalt findet also nicht in konspirativen Hinterzimmern oder über enge persönliche Beziehungen statt, sondern in denselben digitalen Ökosystemen, über die Masar Badil seine Seminare bewirbt und die AGD ihre Spendenaktionen koordiniert.
Handlungswege: Wie darauf antworten?
Die politische und gesellschaftliche Antwort auf die aktuelle antisemitische Gemengelage und deren Verstetigung muss mehrere Ebenen gleichzeitig bespielen. Präventive und repressive Optionen müssen dabei gemeinsam gedacht werden. Denn Antisemitismus folgt keiner rationalen Logik allein – ihm ist daher nicht ausschließlich mit der Verbesserung sozialer Verhältnisse und pädagogischer Zuwendung beizukommen. Gleichwohl muss Prävention nach wie vor dort ansetzen, wo Radikalisierung noch nicht abgeschlossen ist. Das bedeutet auch, Menschen zugewandt anzusprechen, die bereits mit extremistischen Positionen sympathisieren. Im Zentrum der aktuellen Debatten über die Förderstrukturen der Präventionsarbeit in Deutschland muss das gemeinsame Ziel stehen, die Präventionsansätze pluraler auszurichten, um eine möglichst breite Wirkung zu entfalten.
Während der Diskursverschiebung so mit dem Offenhalten von Gesprächsangeboten in alle Richtungen begegnet werden kann, ist gegen die radikalisierten Akteure ein robustes Vorgehen anzuraten: Einreiseverbote haben Wirkung gezeigt; Vereinsverbote stoppen die Strukturen nicht nachhaltig, erschweren aber das Wirken massiv. Dass Strukturen wie AGD, Masar Badil und selbst die PFLP in Deutschland trotz dokumentierter Verbindungen zu Terrororganisationen, trotz offener Vernetzung mit Hamas-Führern, trotz antisemitischer Mobilisierung in deutschen Städten weiterhin ungehindert operieren, ist kaum noch vermittelbar. Die Bedrohung jüdischen Lebens in Deutschland findet nicht mehr nur auf der Straße statt. Sie organisiert sich in Berliner Vereinsräumen, in Zoom-Seminaren mit Hamas-Funktionären und in koordinierten Cyberoperationen, die von Teheran bis nach Berlin reichen. Die Antwort darauf muss genauso vielschichtig sein.
Linus Kebba Pook ist Co-Geschäftsführer von democ e.V. Er studierte Philosophie und Theaterwissenschaft (BA) sowie Interdisziplinäre Antisemitismusforschung (MA). Zu Masar Badil, AGD und iranischen Cybergefährdungen für jüdische Institutionen in Deutschland legte democ jüngst verschiedene Publikationen vor.
Fußnoten
[1] Masar Badil, Online-Seminar mit Hossam Badran (Hamas) am 2. Nov. 2023.
[2] Vgl. Counter Extremism Project (CEP) Germany, Rethinking the Fight against Antisemitism after October 7. From Incident Response to Strategic Disruption, Policy Paper, April 2026, online abrufbar hier.
[3] Siehe dazu David R. Mandel, »After 10/7: Normalization of Antisemitism in the West«, in: Journal for Deradicalization, Nr. 48 (2026), online abrufbar hier.
[4] Siehe Linus Pook, Grischa Stanjek & Tuija Wigard, Der Halle-Prozess: Mitschriften (Leipzig: Spector Books, 2021), S. 72 ff.
[5] Siehe Bundesverband RIAS, Jahresbericht: Antisemitische Vorfälle in Deutschland 2025, Berlin 2026, online abrufbar hier.
[6] So das Ergebnis einer democ-Recherche im Bundesarchiv des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR.
[7] Siehe democ, Terrorpropaganda für den Westen. Die antiisraelische Organisation »Masar Badil«, Okt. 2024, S. 3, online abrufbar hier.
[8] Masar Badil, Online-Seminar mit Nasr al-Din Amer (Huthi) am 7. Juli 2024.
[9] Die Rede ist von »Elias Rodriguez… the Feda’i who Revealed Positions on the Resistance«, auf: Masar Badil, 29. Mai 2025, online hier.
[10] Siehe ELSC-European Legal Support Center, »Anti-Palestinian Repression in Germany: Database Launch«, auf: YouTube, 13. Mai 2025, online hier.
[11] Siehe @leavenoonebehind2020 | 28. Mai 2026.
[12] Siehe Information aus dem Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2023, online abrufbar hier.
[13] Siehe z.B. TV5, »#CANLI | Büyük Kudüs Yürüyüşü | 04.04.2024«, auf: YouTube, 4. Apr. 2024, online hier. Vgl. dazu auch democ, Israelfeindliche Netzwerke. Die Die Anadolu Gençlik Derneği (AGD) und ihre Verbindung zur Hamas, 2025, S. 15, online abrufbar hier.
[14] Siehe ebd., S. 21.
[15] Siehe z.B. @agdberlin | 23. Dez. 2025.
[16] Siehe Plutonia Plarre, »›Vor einer Woche noch unvorstellbar‹. Versuchter Anschlag auf Synagoge«, in: taz, 18. Okt. 2023, online hier.
[17] Siehe IRIB Ofogh TV, »Canadian Samidoun Activist Charlotte Kates in Tehran. Western So-Called Democracy Is a Lie«, auf. Memri, 5. Aug. 2024, online anforderbar hier.
[18] Siehe »Aktuelles Lagebild: Antisemitische Cyberbedrohungen im Schatten des Iran-Israel-Konflikts 2026«, auf: democ, 26. März 2026, online hier.
[19] Siehe »Inside the Middle East’s Cyber Shadow War. Mapping 72+ Pro-Iran and Anti-Iran Groups«, auf: FalconFeeds, 4. März 2026, online hier.
[20] Siehe Christopher Ziedler, »Verfassungsschutz warnt vor laufenden Cyberangriffen. In Deutschland stehen iranische Regimegegner, Juden und Nahost-Experten im Fokus«, in: Tagesspiegel, 22. Dez. 2025, online hier.
[21] Siehe Guy Fiennes, »Islamic Movement of the Companions of the Right. The ›Gig-Economy‹ Proxy Group Attacking Europe«, auf: Institute for Strategic Dialogue, 21. Mai 2026, online hier; sowie Sharon Adarlo, »Harakat Ashab al-Yamin al-Islamia: New Hybrid Group Threatens and Confounds European Security Landscape«, auf: Global Network on Extremism and Technology, 11. Mai 2026, online hier.