Digitaler Islam
Gary R. Bunts Islamic Algorithms unter der Lupe
Von muslimischen InfluencerInnen über Datingplattformen und bestimmte Hashtags bis hin zu Online-Auftritten religiöser Autoritätspersonen und islamistischen Inhalten: Gary R. Bunts Islamic Algorithms liefert detaillierte Einblicke in die digitalen Räume von AkteurInnen, die sich auf unterschiedliche Weise auf den Islam beziehen. Neben global bekannten Gruppen hebt er lokale AkteurInnen, z.B. aus Indonesien, hervor und bezieht damit Regionen ein, die in Studien zum Islam häufig nicht berücksichtigt werden. Damit richtet sich das Buch an ein internationales Publikum, das an größeren, auch historischen Zusammenhängen interessiert ist. Obwohl es bereits 2024 veröffentlicht wurde und eines der wenigen Werke ist, das sich islamischen wie auch islamistischen Online-Präsenzen in ihrer breiten Vielfalt widmet, erhielt es bisher nur begrenzte Aufmerksamkeit im deutschsprachigen Raum. Mehrere Aspekte machen es jedoch relevant für die Auseinandersetzung mit Radikalisierung und Polarisierung im digitalen Kontext.
Gary R. Bunt: Islamic Algorithms. Online Influence in the Muslim Metaverse (London: Bloomsbury, 2024), 328 Seiten.
Inhalt
1. Islamic Algorithms: Transmission, Influence, Design.
2. Before Muhammad
3. Muhammad and Digital Influence
4. Cyber Representation: the Prophet’s Family,
Proximity and Succession.
5. CIE Legal: Sunni Influences, Law and Authority
6. Ahl al-Bayt, Shi’ism, and Imamates in Cyberspace
7. Shi’ism, – Ayatollahs in Digital Zones
8. Sufi Pathways in a Muslim Metaverses
9. Media Offensive: Doomscrollers, Digital Content,
Influencers and E-Jihad
10. Processing Islam: Contemporary Influencers
and Influencers in an Evolving Muslim Metaverses
11. Islamic Algorithms and Meta Islamic Futures
Zum einen gibt es einen Überblick zu unterschiedlichen Online-Phänomenen mit Islam-Bezug und beschreibt deren immense Vielfalt. Dabei stellt Bunt auch bedeutende (historische) Personen vor, auf die sich islamistische Gruppen beziehen, und beschreibt die Nutzung digitaler Räume durch solche Gruppen wie den Taliban. Gleichzeitig ist er bemüht, islamistische Online-Aktivitäten nicht überproportional darzustellen, sondern sie im großen Bild der Online-Welten, die von diversen (auch nicht-islamistischen) AkteurInnen genutzt werden, zu verorten. Der Blick auf aktuelle Inhalte ist insbesondere vor dem Hintergrund der hohen Dynamik von (kontroversen) Online-Diskursen rund um den Islam relevant für die digitale Konfliktforschung.
Zum anderen helfen die Ausführungen, islamistische Online-Inhalte in der Tiefe zu verstehen, etwa hinsichtlich Terminologie und historischer Ursprünge. Dadurch werden insbesondere die Parallelen zwischen unterschiedlichen islamistischen Gruppen deutlich, die sich relativ konstant auf die gleichen Symbole und religiösen Codes beziehen. Durch die Analyse sowohl islamischer als auch islamistischer Inhalte ermöglicht das Buch zudem differenzierende Einordnungen in einem Problembereich, wo es eine gängige Annahme ist, dass jeder Post mit Islam-Bezug problematisch und/oder extremistisch sei. Gleichzeitig ist anzumerken, dass die Menge an islamistischen Online-Inhalten in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat,[1] weshalb die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen – in klarer Abgrenzung zu nicht-extremistischen Inhalten – relevant bleibt.
Cyber Islamic Environments
Der Autor ist von Haus aus Islamwissenschaftler, forscht seit einigen Jahren aber auch zu Online-Communities aus medienanalytischer Perspektive, wobei er die Auswirkungen digitaler Räume auf bestimmte Diskurse untersucht. In Islamic Algorithms versucht Bunt, die Wirkung digitaler Rahmenbedingungen auf das Religions- und auch das Geschichtsverständnis besser zu verstehen, das islamische und islamistische Phänomene prägt. Um deren Heterogenität und Fluidität zu betonen, nutzt Bunt den Begriff der »Cyber Islamic Environments« (CIEs). Unter dieser Klammer wirft er einen Blick auf eine Vielzahl an Themen, darunter auch die Auswirkungen von KI auf die CIEs oder die Bedeutung der Internetnutzung für marginalisierte Gruppen.
In seinen Ausführungen beschreibt Bunt seine Beobachtungen zu Online-Q&A-Sessions, Stellungnahmen zu soziopolitischen Entwicklungen auf den Websites religiöser Figuren sowie die Funktionsweise von Datingplattformen religiöser Communities. Diese Erläuterungen verbindet er mit Einblicken in Geschichte und Traditionen des Islam sowie in seine persönlichen Forschungstätigkeiten. Teile des Buches beschäftigen sich zudem mit der Genese von bestimmten Online-Räumen bzw. deren Nutzung durch bestimmte Gruppen im Verlauf der Zeit. Bunts Darstellung zeigt damit deutlich die Bandbreite an Nutzertypen, Plattformen und Nutzungszwecken auf, die für Online-Welten heute charakteristisch ist.
Methodisch ähnelt sein Zugang dem einer ethnographischen Studie. Mal stellt er geschichtliche Aspekte in den Vordergrund, mal die (angenommenen) Wirkmechanismen. Die Beschreibung der Inhalte verknüpft Bunt auch mit theoretischen Überlegungen zu Machtstrukturen und Wissen (etwa mit Bezug auf Michel Foucault), der Analyse von Symbolen (z.B. mit Roland Barthes) und der Wirkung von Medien (z.B. mit Jürgen Habermas).
Stärken und Schwächen
Ein zentrales Argument des Buches ist, dass Online-Aktivitäten heute fester Bestandteil religiöser Praktiken sind, diese auf unterschiedliche Weise erweitern oder neue Ausdrucksformen für diese schaffen. Die Beobachtungen des Autors, der unter anderem auf sunnitische, schiitische wie auch sufische Traditionen und Praktiken eingeht, spiegeln die enorme Diversität und komplexe Dynamik islamischer Inhalte wider – und zeigen damit auch, dass ihre eingehende Analyse diverser Blickwinkel und Methoden bedarf. Entsprechend betont Bunt denn auch, dass die häufig uniforme Darstellung des Islam bzw. von MuslimInnen zu hinterfragen sei.
Außerdem zeigt Bunt anhand von digitalen Räumen, die von weniger stark repräsentierten Communities bespielt werden, die partizipativen Möglichkeiten auf, die Online-Welten für marginalisierte Personengruppen – etwa weniger bekannte religiöse Gruppen oder auch weibliche Akteurinnen – bieten. Als gewinnbringend stellt sich auch seine Perspektive auf Online-Räume als Orte der Archivierung von bestimmten Inhalten heraus. Darüber hinaus regt der Autor die LeserInnen zur Reflexion an, etwa mit Blick auf die Rolle von ForscherInnen, wobei er seine Überlegungen zur Einbeziehung von Phänomenen außerhalb der SWANA-Region (Abkürzung für »South West Asia and North Africa«) teilt, auf die sich Studien zum Islam allzu oft beschränken.
Kritisch angemerkt werden kann, ob die besprochenen Online-Auftritte tatsächlich den Einfluss haben, den Bunt ihnen zuweist. So wird etwa für Personen mit hoher Followerzahl eine besondere Wirkmacht angenommen – ein Indikator, dessen Zweckmäßigkeit sich durchaus diskutieren ließe, wie der Autor allerdings auch selbst zu bemerken gibt. Über die tatsächliche Wirkung bestimmter Online-Phänomene kann daher letztlich nur gemutmaßt werden. An einigen Stellen lässt der Autor die LeserInnen sogar im Unklaren darüber, ob es nun um die Wirkung bestimmter Inhalte oder etwa den Einfluss von Algorithmen geht.
Verortung im Forschungsstand
Gleichwohl knüpft das Buch mit der (nur teils bearbeiteten) Frage nach der Wirkung von Online-Inhalten unmittelbar an den gegenwärtigen Forschungsdiskurs an. Insbesondere in Bezug auf islamistische Inhalte in den sozialen Medien ist die Forschungslage zur Wirkung dieser derzeit noch nicht ausreichend. Während es schwer vorstellbar ist, dass durch Inhalte, die eindringlich zum Handeln auffordern – etwa die des Islamischen Staats oder von in Deutschland agierenden Gruppen wie Muslim Interaktiv –, keine NutzerInnen beeinflusst werden, ist deren genaue Rezeption bisher wenig ausgeleuchtet. Eine solche Analyse ist notwendigerweise herausfordernd, weil sie die Komplexität der Forschung zu Medienwirkungen und Radikalisierungsprozessen einbeziehen muss.
Grundsätzlich ermöglicht Bunts Herangehensweise einen offenen Blick auf islamische und islamistische Phänomene, die digitale Welten auf unterschiedliche Weise prägen und von ihnen geprägt werden. Dennoch stellt sich die Frage, ob das Buch gerade mit Blick auf die Online-Auftritte speziell von islamistischen Gruppierungen tatsächlich neue Erkenntnisse liefert. Zweifellos bietet es einen guten Überblick zu dem Phänomenbereich in seiner Breite, zur technischen Nutzung von Plattformen durch solche Gruppen gibt es aber Analysen, die aktueller und auch detaillierter sind.[2]
Nicht zuletzt stellen sich auch methodische Fragen, die für nachfolgende Studien zu reflektieren wären. So ist etwa die Art der Datenauswahl und -sammlung in einigen Punkten nicht ganz nachvollziehbar, wenngleich die Vielzahl an Plattformen und Inhalten, die für das Buch analysiert wurden, eindrücklich einen hohen Arbeitsaufwand erkennen lassen. Lobenswert ist vor allem, dass sich die Analyse nicht nur auf gängige Plattformen beschränkt, sondern auch Websites von einzelnen Persönlichkeiten und auch Apps in die Betrachtung einbezogen werden. Dennoch wäre eine Darlegung der Auswahlkriterien wünschenswert gewesen. Auch die Entscheidung, NutzerInnennamen klar zu nennen statt sie zu anonymisieren, kann man kritisch sehen.
Margareta Wetchy hat Orientalistik, Anthropologie und Englisch studiert und setzt sich insbesondere mit islamistischen (Online-)Inhalten auseinander. Für ihre Promotion analysierte sie religiös-theologische Referenzen in Texten des ›Islamischen Staats‹.
Fußnoten
[1] Siehe dazu z.B. Jakob Guhl & Milo Comerford, Understanding the Salafi Online Ecosytem. A Digital Snapshot (London: Institute for Strategic Dialogue, 2021), online abrufbar hier. Dem Report zufolge haben etwa englischsprachige salafistische Online-Inhalte zwischen Oktober 2019 und Juli 2021 um 110% und deutschsprachige salafistische Inhalte im gleichen Zeitraum um 77% zugenommen; siehe ebd., S. 5.
[2] Siehe z.B. Stuart Macdonald & Sean McCafferty, Online Jihadist Propaganda Dissemination Strategies (Dublin: VoxPol, 2024), online abrufbar hier.