Relaunch Accomplished
Der neue MATR-Zyklus hat begonnen
Vor einem Monat erschien die achte Nummer von Machine Against the Rage, der ersten Ausgabe seit dem Wechsel des Projekts in die Trägerschaft des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft. Nun folgten die dazugehörigen Essentials. So heißen unsere Policy Briefs, mit denen wir für jede Ausgabe die jeweilige Schwerpunktanalyse komprimiert aufbereiten. Die Arbeit an der achten Ausgabe ist damit nun endgültig abgeschlossen. Was sie zu bieten hat und was drum herum geschah, dazu hier noch ein Überblick:
Fokus: Studie zu Community Notes und Desinformation
In unserer Schwerpunkt-Analyse widmeten wir uns diesmal dem Konzept der Community Notes (CN). Dabei handelt es sich um ein System der crowdbasierten Inhaltsprüfung. Das heißt, hierbei sollen NutzerInnen über die Richtigkeit bzw. Seriosität von Inhalten in sozialen Medien urteilen. Nachdem sich Elon Musk bei X für die Nutzung des Systems stark gemacht hatte, kommt das Konzept mittlerweile auf verschiedenen Plattformen zur Anwendung, so etwa bei Facebook, Instagram und Threads in den USA. In Deutschland lässt auf diesen Plattformen die Umsetzung noch auf sich warten.
Während manche das Modell als demokratische Alternative zum Fact-Checking feiern, prüft die EU- Kommission, ob das System ihren Anforderungen zur Bekämpfung von Desinformation entspricht. Zur generellen Funktionsweise von CN liegen mittlerweile einige Erkenntnisse vor – dazu, ob sie ein brauchbares Mittel gegen toxische Online-Dynamiken sein können, weniger. Die nun vorliegende Studie schließt die Lücke: Auf Basis zehntausender CN auf Twitter/X untersucht sie, wer sie verfasst, wen bzw. welche Inhalte sie treffen und was sie leisten, vor allem mit Blick auf die Eindämmung von Desinformation.
Michael Schmidt, Franziska Martini, Maik Fielitz & Christian Donner, »Der Schwarm als Faktenchecker. Community Notes zwischen kollektiver Intelligenz und politischem Lagerkampf«, in: Machine Against the Rage, Nr. 8, Spätjahr 2025, DOI: 10.58668/matr/08.2.
Radar: Rückblick auf drei Jahre Telegram-Monitoring
Wie haben sich die Netzwerke von Rechtsextremismus & Co. und ihre Kommunikation während unseres dreijährigen Telegram-Monitorings entwickelt? Im neuen Radar blicken wir aus Langzeitperspektive auf unseren Datenfundus mit Millionen von Telegram-Nachrichten. Dessen Aufbau hatte einst in einer Phase begonnen, in der Akteure vom rechten Rand durch Sperrungen auf großen Plattformen Raum im digitalen Mainstream einbüßten. Telegram etablierte sich damals als Rückzugsraum. Vor allem mit dem Beginn der Corona-Pandemie 2020 steigerte die Plattform ihre Popularität.
Mittlerweile sehen wir eine sinkende Aktivität auf der Plattform. Und doch bleibt Telegram ein zentraler Knotenpunkt für rechtsalternative und verschwörungsideologische Akteure. Die Plattform hat eigene Kommunikationsmuster und eine Kultur hervorgebracht, in der nur hohe Aktivität Erfolg verspricht. Neben der leicht rückläufigen Nutzung sehen wir jedoch auch Anzeichen wachsenden Regulierungs- und Konformitätsdrucks. Es bleibt abzuwarten, welche Rolle Telegram künftig in rechtsalternativen Milieus spielen wird. Wir werden diese Entwicklungen weiter analytisch begleiten.
Christian Donner, Wyn Brodersen, Maik Fielitz & Michael Schmidt, »Drei Jahre MATR-Monitoring auf Telegram. Die Rolle der Plattform im rechtsalternativen Online-Aktivismus«, in: Machine Against the Rage, Nr. 8, Spätjahr 2025, DOI: 10.58668/matr/08.1.
► Für eine Zusammenfassung der Ergebnisse siehe unseren Beitrag auf LinkedIn hier.
Blitzlicht: Analyse zum Compact-Verbotsverfahren
In der Rubrik Blitzlicht widmen wir uns den Interaktionsdynamiken im Kampf gegen digitalen Hass und Desinformation. Das heißt, wir interessieren uns für die Effekte, die konkrete Versuche ihrer Eindämmung erzeugen. In der aktuellen Ausgabe haben wir uns hierfür das Compact-Verbotsverfahrens angeschaut und die Auswirkungen dieses ein Jahr dauernden Kapitels auf die rechtsalternative Szene untersucht. Dabei handelt es sich um einen Beitrag, der bereits Ende Juli als Quick-Response-Analyse auf unserem Blog vorveröffentlicht wurde und nun in überarbeiteter Form auch im Magazin erschien.
Die Analyse zeigt, wie das Magazin von der Aufmerksamkeit rund um das Verfahren profitierte, aber auch, wie dieses zu Bruchstellen in der rechtsalternativen Szene geführt hat. Diese tun sich in der Diskussion um das Konzept der Remigration auf, das vom Gericht als verfassungswidrig eingestuft wurde, auch wenn das Verbot des Magazins keinen Bestand hatte. Dadurch stellt sich die Frage, wie man sich zu jenem Konzept verhalten soll. Wie der daraus folgende Streit genau eingekerbt ist und warum Streit und Spaltung nicht unbedingt eine Minderung extremistischer Gefahren bringen müssen, erläutert unsere Analyse.
Franziska Martini, Christian Donner, Wyn Brodersen & Holger Marcks, »Bruchstellen im Mosaik. Das Compact-Verfahren im Spiegel der rechtsalternativen Szene«, in: Machine Against the Rage, Nr. 8, Spätjahr 2025, DOI: 10.58668/matr/08.3.
Sonstiges: Rundschau und Drumherum
- Wie immer gibt es auch eine Rundschau zu den wichtigsten Entwicklungen im Bereich der Maßnahmen gegen Hass im Netz und Desinformation. Was hat sich im vergangenen halben Jahr Wichtiges getan auf den verschiedenen Handlungsebenen: bei der Zivilgesellschaft, bei den PlattformbetreiberInnen, in der Politik – und was bietet die Wissenschaft an neuen, interessanten Erkenntnissen zu diesem Problemkomplex?
- Vorgestellt wurde die neue Ausgabe am Tag der Veröffentlichung im Trafo Jena bei einer Relaunch-Veranstaltung. Dort präsentierten wir nicht nur die Ergebnisse der Schwerpunktstudie, sondern diskutierten auch mit Gästen über die Frage: »Was kommt nach Faktencheck & Co.« Auf dem Podium: Heike Gleibs (Wikimedia), Daniel Weimert (codetekt e.V.), Martin Fuchs (Digitalberater) sowie Franziska Martini (IDZ Jena).
MATR in the Media: Eine Auswahl
Für die Schwerpunktstudie zu Community Notes interessierten sich auch verschiedene Medien. Hier ein kleiner Überblick:
- Anna-Lena Schou, »Exklusive Daten: Die Probleme des Faktenchecksystems von Elon Musk«, in: Der Spiegel, 16. Okt. 2025, online hier.
- Haken dran, »Von der Pipeline bis zum Bordstein (mit Dennis Horn). Warum Community Notes nicht unsere Rettung sind«, auf: Podigee, 17. Okt. 2025, online hier.
- Kompressor, Gespräch von Ingrid Wenzel mit Franziska Martini von MATR, Sendung vom 20. Oktober 2025, online hier.
Die nächste Ausgabe von Machine Against the Rage erscheint dann im April 2026. Vorschläge für Beiträge, die in unser Themenprofil passen, sind willkommen.
► Für eine Zusammenfassung der Ergebnisse unserer Fokus-Analyse siehe unseren aktuellen Policy Brief: »Kollektives Faktenprüfen? Community Notes und der Umgang mit Desinformation«, MATR Essentials, Nr. 8 (2025), online abrufbar hier.