Social Media durch andere Augen
Filterblasen werden erfahrbar – mit der Feedwatch-App
Echokammern und Filterblasen, in den sozialen Medien sind Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Studien, insbesondere im Zusammenhang mit Problemen der Polarisierung. Doch wie stellen sich diese Phänomene konkret für die einzelnen NutzerInnen der Plattformen dar? Um das plastisch zu machen, hat der Verein Feedwatch eine Bildungs-App entwickelt, die politische Informationsräume erfahr- und vergleichbar macht. Das Team von Machine Against the Rage half hierbei, wissenschaftliche Erkenntnisse in den Ansatz zu übersetzen, der einen reflektierten Nachrichtenkonsum fördern soll. Zwei Aspekte fanden dabei besondere Berücksichtigung.
1. Algorithmen und personalisierte Informationsräume
Algorithmen bestimmen maßgeblich, welche politischen Inhalte NutzerInnen sehen. Dabei priorisieren Plattformen Beiträge danach, wie stark sie Reaktionen hervorrufen – etwa durch Likes, Kommentare oder Verweildauer. Die Nutzungserfahrung ist dadurch eng an individuelle Präferenzen gekoppelt; stark personalisierte Informationsräume sind die Folge. Diese Personalisierung hat im politischen Kontext weitreichende Auswirkungen. Wenn jene Räume auseinanderdriften, gehen gemeinsame Bezugspunkte verloren. Und unterschiedliche Informationsgrundlagen bereiten wiederum Polarisierung den Weg.
2. Strategische Parteienkommunikation und Plattformlogiken
Diese Dynamik wird zusätzlich noch dadurch verstärkt, dass politische Akteure ihre digitale Kommunikation zunehmend an die Erfolgslogiken sozialer Medien anpassen. Parteien und Kampagnen orientieren ihre Inhalte gezielt an den Erfordernissen für Reichweite, Anschlussfähigkeit und algorithmischer Verbreitung. Untersuchungen, wie sie das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft zum Bundestagswahlkampf 2025 auf TikTok durchgeführt hat, offenbaren ebensolche Muster in der Kommunikation.
Feedwatch als Werkzeug zur Sichtbarmachung
Für NutzerInnen bleiben diese Mechanismen meist unsichtbar. Im eigenen Feed erscheinen politische Inhalte als einzelne Beiträge, nicht als Ergebnis algorithmischer Auswahl und strategischer Planung. Das erschwert es, politische Kommunikation in den sozialen Medien einzuordnen und ihre Wirkung kritisch zu reflektieren. Vor diesem Hintergrund hat Feedwatch besagte App entwickelt, um derlei Zusammenhänge auch jenseits der Forschung erfahrbar zu machen. Die Anwendung ermöglicht es, Social-Media-Feeds verschiedener Wählergruppen systematisch zu vergleichen – auf Instagram, TikTok, Facebook und X.
Feedwatch ist als Web-App-Version testweise hier verfügbar. Mehr Informationen zum Projekt und zu Feedwatch e.V. finden sich auf der Website des Vereins.
Mit der App können NutzerInnen Parteien, PolitikerInnen und ihr Umfeld beobachten – in Echtzeit oder bezogen auf Schlagworte und konkrete Ereignisse. So wird sichtbar, welche Themen gesetzt werden, welche Narrative dominieren und wie unterschiedliche politische Wirklichkeiten für verschiedene Wählergruppen inszeniert werden. Zweck der App ist es, strukturelle Unterschiede offenzulegen und einen informierten Perspektivwechsel zu ermöglichen.

Die Personen in der oberen Navigationsleiste stehen für Wählergruppen der größten Parteien im Bundestag (Linke, SPD, Grüne, Union, AfD). Mit Feedwatch lassen sich ihre Feeds auf Instagram, TikTok, Facebook und X miteinander vergleichen.
Wissenschaft in Nutzungserfahrung übersetzen
Feedwatch fungiert als Übersetzungsinstrument zwischen Forschung und Alltag. Konzepte wie Polarisierung, algorithmische Logiken oder strategische Kommunikation werden nicht abstrakt vermittelt, sondern direkt für NutzerInnen erfahrbar gemacht. Sie sollen erkennen, dass ihre Feeds keine neutrale Abbildung von Realität sind, sondern das Ergebnis spezifischer Plattformmechanismen und politischer Strategien.

Mit Feedwatch lassen sich Inhalte nach bestimmten Events und Schlagworten filtern. Außerdem gibt es Filtermöglichkeiten, um in den Feeds gezielt Content von Parteien oder auch von PolitikerInnen und deren Umfeld (InfluencerInnen und journalistische Angebote) zu entdecken. Ebenfalls können NutzerInnen gezielt bestimmte Wählergruppen miteinander vergleichen.
Die Zusammenarbeit zwischen Feedwatch und dem MATR-Team des IDZ ist zentral für die wissenschaftliche Fundierung der App. Gemeinsam werden kuratierte Feeds entwickelt, die auf einem Sockenpuppen-Ansatz beruhen: Statt realer Accounts kommen aggregierte, forschungsbasierte Nutzerprofile zum Einsatz, die typische Kommunikations- und Rezeptionsmuster politischer Milieus abbilden.
Anwendung im Bildungsbereich
Methodisch orientiert sich Feedwatch an etablierten Forschungsprojekten wie dem SOAP-Projekt der Universität St. Gallen sowie dem Potsdam Social Media Monitor, die politische Kommunikationsräume anhand transparenter Kriterien systematisch analysieren. Diese Ansätze werden in einen anwendungs- und bildungsorientierten Kontext übertragen.
So wird derzeit im Rahmen eines geplanten Schulpiloten in der Oberstufe einer Gesamtschule in Berlin erprobt, wie die App im Unterricht eingesetzt werden kann. Ziel ist es, bei SchülerInnen einen reflektierten Umgang mit digitalen Informationsräumen zu fördern. Feedwatch versteht sich damit als Beitrag zu einer zeitgemäßen Demokratiebildung – dort, wo politische Meinungsbildung heute tatsächlich stattfindet: im Feed.
Manfred Rump ist Medienwissenschaftler im E-Learning-Bereich und Vorstand von Feedwatch e.V., wo er sichtbar macht, wie unterschiedliche politische Realitäten in den sozialen Medien entstehen. Sein Fokus: Medienbildung und Informationskompetenz als Grundlage für reflektierte Meinungsbildung.