TikTok-Judenhass, Epstein-Files, Zensur-Debatte
Rückblick auf das Erscheinen der neunten MATR-Ausgabe
Im Mai 2026 erschien die neunte Ausgabe von Machine Against the Rage. Genauer gesagt feierten wir mit der Ausgabe auch ein Jubiläum, da wir einst mit einer Null- bzw. Pilotausgabe begonnen haben. Mit der aktuellen Nummer haben wir auch unser Design aufpoliert und einige Features auf der Seite hinzugefügt. Und wie immer kommen mit der Ausgabe einige Nebenprodukte einher: Unser Policy Brief fasst die zentralen Erkenntnisse unserer Fokus-Studie zusammen, und unser Gastbeitrag für Die ZEIT bereitet sie für ein breites Publikum auf. Unsere Präsenz in den Medien dokumentieren wir nun auch auf unserer Webseite (siehe »On Air«). Mit diesem Beitrag soll nun auch ein komprimierter Überblick zu den Inhalten der Ausgabe geboten werden.
Fokus: Antisemitismus als digitale Praxis
In unserer Fokus-Analyse untersuchten wir diesmal die Verbreitung antisemitischer Inhalte auf TikTok. Als Datengrundlage dienten uns mehr als 20.000 Beiträge, die zwischen Januar 2025 und Februar 2026 unter potentiell antisemitischen Hashtags gepostet wurden. Die Ergebnisse unserer quantitativen Inhaltsanalyse zeigen, dass nur wenige Beiträge (drei Prozent) ganz offen antisemitisch daherkommen. Deutlich häufiger (19 Prozent) spielen sie mit Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten. In diesen Fällen kommen insbesondere Meme-Formate und Codes zum Einsatz, die neben einer antisemitischen Lesart auch andere Interpretationen zulassen.
Besondere Auffälligkeiten zeigen sich auch hinsichtlich der Erscheinungsformen. Während israel-bezogener (23 bis 25 Prozent) und verschwörungstheoretischer Antisemitismus (44 Prozent) sowohl in eindeutigen als auch weniger eindeutigen Fällen auf einem ähnlichen Niveau liegt, bedienen sich Beiträge, die den Holocaust infrage stellen oder releativieren, codierter und chiffierter Formen (46 Prozent). Auffällig ist zudem, dass sich die Beiträge nur in wenigen Fällen unmittelbar politischen Ideologien oder bereits einschlägig bekannten Akteuren zuordnen lassen. Vielmehr schreiben sie sich beiläufig in virale Trends ein und erzielen auf diese Weise größere Popularität.
Wyn Brodersen, Michael Schmidt & Maik Fielitz, »Portionierter Judenhass. Eine Vermessung des Antisemitismus auf TikTok«, in: Machine Against the Rage, Nr. 9, Frühjahr 2026, DOI: 10.58668/matr/09.2.
Radar: Epstein-Files als Telegram-Evergreen
Der Veröffentlichung der Epstein-Files folgte eine große Debatte über den Sexualstraftäter. Die Causa Epstein hatte seit vielen Jahre aber schon einen zentralen Platz im verschwörungsideologischen Milieu. Hervor stießen dabei deutschsprachige Ableger des QAnon-Kults. Auf Telegram zeigt sich, dass sich die Themen rund um Epstein mit der Zeit wandelten und diverse politische Konflikte vermischt werden. Epstein funktioniert als Chiffre zur Kritik an den politischen Verhältnissen und wird mit allerlei Verschwörungstheorien aufgeladen.
Unsere Analyse im Radar untersucht, inwiefern die jüngsten Enthüllungen solchen Akteuren neue Relevanz bescherten und inwieweit dies die Netzwerkstrukturen im Feld der von uns beobachteten Akteure änderte. Die Ergebnisse zeigen, dass Epstein omnipräsent in den Debatten ist, die Veröffentlichung der Files und die Diskussion darüber allerdings wenig dazu beigetragen haben, dass Akteure aus verschwörungsideologischen Milieus neue Bedeutung gewinnen würden.
Franziska Martini, Michael Schmidt & Maik Fielitz, »Frühjahr 2026: Die Epstein-Verschwörung auf Telegram«, in: Machine Against the Rage, Nr. 9, Frühjahr 2026, DOI: 10.58668/matr/09.1.
Blitzlicht: Die digitale Zensur-Debatte als Chiffre
Unser Blitzlicht untersucht die normative Konfliktstruktur der digitalen Zensur-Debatte. Der Zensurvorwurf ist historisch alt und war lange linkskonnotiert, wird heute aber überwiegend im rechten Lager erhoben – meist nicht im engen, staatlich-verfassungsrechtlichen Sinne, sondern als Chiffre für eine als repressiver empfundene Kommunikationsordnung. Unsere Datenanalyse auf Telegram zeigt, dass die Begriffsverwendung stetig zunimmt, oft ohne konkrete Zuordnung von Zensoren und Zensierten. Oft genannt werden Staat, Tech-Plattformen und Medien.
Der Text zeigt, dass die (online ausgetragenen) Konflikte rund um den Vorwurf der Zensur zum einen mit definitorischen Ungenauigkeiten zu tun haben: Denn der Zensurbegriff reicht von harter, formeller bis zu weicher, informeller Zensur und lässt sich beliebig weiten. Zum anderen argumentiert der Text, dass die Digitalisierung das Problem von unsichtbarer Vorselektion zu sichtbarer Nachregulierung durch Staat und Plattformen verschiebt. Dies führt zwangsmäßig zu Anwendungskonflikten, wie am Beispiel des §86a StGB gezeigt wird.
Holger Marcks & Harald Sick, »Wird man doch noch posten dürfen. Die normative Konfliktstruktur der digitalen Zensur-Debatte«, in: Machine Against the Rage, Nr. 9, Frühjahr 2026, DOI: 10.58668/matr/09.3.
Rundschau: Neues aus der digitalen Konfliktforschung
Darüber hinaus beschäftigen wir uns in unserer Rubrik Rundschau mit fünf aktuellen Studien, die für die digitale Konfliktforschung relevant sind. Hierzu haben wir das Format der Rundschau angepasst: Im Fokus stehen wissenschaftliche Papiere zu Hass und Desinformation im Netz (und zum Streit darüber), die aus Perspektive der digitalen Konfliktforschung unter die Lupe genommen werden. Die Kurzbesprechungen behandeln (1) den Effekt von Richtigstellung von Informationen, (2) den Empfehlungsalgorithmus von X, (3) die Zufälligkeit des Rechthabens, (4) die Motive toxischer Kommunikation und (5) eine empirische Annäherung an das komplexe Phänomen des Zone-Flooding.
Die nächste Ausgabe von Machine Against the Rage erscheint dann im Oktober 2026. Vorschläge für Beiträge, die in unser Themenprofil passen, sind willkommen.
► Für eine Zusammenfassung der Ergebnisse unserer Fokus-Analyse siehe unseren aktuellen Policy Brief: »Judenhass im Spaßformat. Facetten des Antisemitismus auf TikTok«, MATR Essentials, Nr. 9 (2026), online abrufbar hier.