Über Spaltung streiten
Nils Kumkars Theorie der kommunikativen Polarisierung im Belastungstest
Der Soziologe Nils Kumkar hat ein spannendes Buch über kommunikative Polarisierung geschrieben. So lässt sich jener Teilbereich der Polarisierungsproblematik bezeichnen, dem sich das Buch theoretisch nähert. Anders als der globale Titel Polarisierung vermuten lässt, handelt es sich um keine Auseinandersetzung mit dem Phänomenbereich im Allgemeinen (also mit seinen vielschichtigen Interdependenzen), sondern mit einem spezifischen Aspekt von Polarisierung: ihrer kommunikativen Dimension. Das heißt: Es geht um die Art und Weise, wie Polarisierung rhetorisch abgebildet, öffentlich hergestellt und medial vermittelt wird.
Diese spezifische Perspektive auf den Gegenstand erweist sich als analytisch produktiv, wenngleich sie im Framing des Buchs nicht ganz deutlich kommuniziert wird. Dessen ungeachtet ist es gerade für die digitale Konfliktforschung eine gute Handreichung. So werden etwa die Mechanismen der digitalen Meinungsformierung solide dargestellt, ohne allerdings viel Neues zu sagen. Der Fokus soll im Folgenden daher – und weil der Autor selbst mehr Mut zum Streit einfordert – auf den streitbaren Aspekten des Buchs liegen. Was hat es Originelles zu bieten? Und sind Theorien der kommunikativen Polarisierung nicht selbst kommunikative Polarisierung?
Nils C. Kumkar: Polarisierung. Die Ordnung der Politik (Berlin: Suhrkamp Verlag, 2025), 290 Seiten.
Inhalt
Einleitung: Der Overview-Effekt der Polarisierung
1. Auf Polarisierung können wir uns einigen
2. Polarisierung schafft Übersicht
3. Polarisierung lädt zum Mitmachen ein
4. Polarisierung sells
5. Polarisierung im Leerlauf
Fazit: Entsachlichung
Wann ist Polarisierung real?
Das Buch ist gleich nach seiner Veröffentlichung sowohl in Fachkreisen als auch in der öffentlichen Debatte auf größere Resonanz gestoßen. Diese Aufmerksamkeit beruht nicht zuletzt auf jenem Titel, der ein Thema ankündigt, das in der Öffentlichkeit als drängend wahrgenommen wird: die (zumindest angenommene) Spaltung der Gesellschaft. Dabei legt die Berichterstattung mitunter nahe, beim Buch handele es sich um eine Untersuchung zu Polarisierung im Allgemeinen bzw. eine Darstellung des Phänomenbereichs insgesamt.[1] Tatsächlich ist es aber eine theoretische Intervention in vorherrschende Diskurspraxen. Diese Einordnung ist entscheidend für die Frage, wie man sich dem Werk nähern kann. Als sozialtheoretische Analyse mit zeitdiagnostischer Perspektive bedarf es eines anderen Zugriffs als bei etwa einer methodengetriebenen Studie, die nach methodologischer Kritik und empirischer Falsifikation verlangt.
Denn das Buch besteht, seiner Gattung entsprechend, aus theoretischen Annahmen über gesellschaftliche Prozesse und deren Mechanismen, die durch den kursorischen Verweis auf empirisches Material zwar Plausibilisierung erfahren, aber dennoch Theorie bleiben. Es ist eine Theorie der kommunikativen Polarisierung, die Kumkar hier darlegt – und daher unter theoretischen Gesichtspunkten zu besprechen. Wie ist die Substanz der Annahmen, wie die Kohärenz der abgeleiteten Schlüsse, wie die Erklärungsreichweite der Problemheuristik, wie nützlich das konzeptionelle Instrumentarium, wie überzeugend die argumentative Struktur?[2] Und wie verhält sich das Buch zu laufenden Debatten? Hier fällt sofort das 2023 erschienene Buch Triggerpunkte von Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser ins Auge, das ebenfalls die öffentliche Wahrnehmung und symbolische Zuspitzung gesellschaftlicher Konflikte in den Blick nimmt.[3]
Während Triggerpunkte stärker auf Themen und Konfliktlinien fokussiert, richtet Kumkar den Blick auf kommunikative Mechanismen, durch die Positionen als unversöhnlich erscheinen und – als eine Art von self-fulfilling prophecy – in gesellschaftliche Spaltung rückübersetzt werden. Damit kann man sein Buch auch als Fortschreibung von Triggerpunkte begreifen, spricht es damit doch zu dem darin aufgemachten Problem des (Wechsel-)Verhältnisses von gefühlter und realer Polarisierung. Die Verwandtschaft beider Werke ermöglicht es, Kumkar zu Mau et al. aufeinander zu beziehen und werksübergreifende Probleme des wissenschaftlichen Diskurses über Polarisierung adressieren zu können. Für die Konfliktforschung sind beide Bücher von Relevanz, weil sie nicht nur Erklärungen für Probleme der Polarisierung bieten, sondern auch in den Diskurs über Polarisierung mit einfließen. Und der hat, wie beide Werke richtig annehmen, selbst eine Funktion in Polarisierungsdynamiken.
Polarisierung als Kommunikationsmodus
Kumkars Theorie beruht auf dem Gedanken, dass Polarisierung auch ein »kommunikatives Ordnungsmuster« sei (Kapitel 1). Gesellschaftliche Konflikte seien historisch gesehen normal; ihre permanente Eskalation nicht unbedingt. Es gehe also nicht einfach um Differenzen, sondern um eine soziale Dynamik, in der Differenzen als unüberbrückbar markiert werden. Entscheidend sei dabei nicht, was Menschen tatsächlich denken, sondern wie ihre Positionen in der Öffentlichkeit gerahmt, zugespitzt und adressiert werden. Durch diese Inszenierung entstünden virtuelle Lagergefüge, die in der sozialen Realität weniger klar existieren. Ihre Wahrnehmung werde jedoch durch mediale Kommunikation stabilisiert. Wer, zugespitzt gesagt, ständig von Spaltung spricht, festigt damit die Vorstellung homogener Lager, was den Prozess der Polarisierung selbstverstärkend macht. Ein klassischer Fall von Autopoeisis, um mit der Systemsoziologie zu sprechen.[4]
Als charakteristisches Element polarisierender Kommunikation liest sich über die nächsten beiden Kapitel die Moralisierung von Positionen heraus. Abweichende Standpunkte würden nicht bloß als kontrovers oder irrig, sondern als illegitim und gefährlich dargestellt. Die Gegenseite werde nicht rational widerlegt, sondern diskreditiert; Gespräche werden abbruchfähig: Mit den »anderen« kann nicht vernünftig kommuniziert werden, man spricht nur noch über sie. Diese Dynamik werde durch Anreizstrukturen in Medien und Politik zusätzlich befeuert (Kapitel 2). Denn polarisierende Kommunikate erzeugten Aufmerksamkeit, Reichweite und Mobilisierung; Zuspitzung und Personalisierung verstärken die polaren Frames auch noch. Obendrein nutzten politische Akteure derlei Techniken strategisch, um Sichtbarkeit, Loyalität und Identität zu erzeugen. Polarisierung werde so, als Mittel der Komplexitätsreduktion, zu einem Erfolgsmodell öffentlicher Kommunikation.
Die Folgen dieses Kommunikationsmodus, der auch Journalismus und politische PR erfasst habe (Kapitel 4), reichten über symbolische Konflikte hinaus. Denn Polarisierung ersetze Problemlösungen durch Positionierung: Aussagen dienten weniger der Konfliktbearbeitung als der Markierung der eigenen Lagerzugehörigkeit; Kompromissbereitschaft werde schnell als Schwäche interpretiert. Kumkar warnt jedoch differenziert: Spannungen und auch Konflikte bedrohten die Demokratie nicht automatisch, problematisch werde es erst dort, wo Gesprächsbereitschaft zerstört, Gegner delegitimiert und deliberative Verfahren sabotiert werden. Die Gefahr liege weniger im Konflikt selbst als in der Erosion von Kommunikationsnormen. Polarisierung als Kommunikationsmodus meint also eine moralische Vereinfachung von Konflikten, mit der das Feld des Politischen geordnet wird – und zwar so, dass jene Konflikte tatsächlich in gesellschaftlicher Spaltung münden.
Der Kumkar’sche Polarisierungsbegriff
Kumkar nimmt eine klare Abgrenzung vom Alltagsbegriff der Polarisierung vor. Im öffentlichen Diskurs wird darunter meist ein Zustand verstanden, der durch starke Meinungsgegensätze mehr oder weniger verfeindeter Lager geprägt ist. Seinen Ausdruck findet sie demnach in einer starken Distanz von Einstellungsgruppen bzw. bimodalen Verteilung von Meinungen.[5] Kumkar benennt dies hingegen als »notwendig falsche Beobachtung«; ihr hält er ein Verständnis von Polarisierung als sozialem Prozess entgegen, bei dem Positionen mit der Bedeutung beladen werden, dass sie nicht koexistieren könnten. Entscheidend sei dabei nicht die tatsächliche Distanz zwischen den Meinungen, sondern die Art und Weise, wie sie öffentlich dargestellt, gerahmt und zugespitzt werden. In Eingedenk dieser dynamischen, kommunikativen Dimension von Polarisierung könnten selbst moderate Meinungen polarisierende Wirkung entfalten, wenn sie entsprechend inszeniert werden.
Im Zentrum von kommunikativer Polarisierung steht demnach die Logik der Unvereinbarkeit. Sie wird durch verschiedene wahrnehmungsleitende Operationen hergestellt. Zum Beispiel, wenn der Möglichkeitsraum binär aufgeteilt und Grautöne eliminiert werden: Komplexe Konflikte werden also auf ein »entweder–oder« reduziert. Oder wenn Positionen normativ überladen und abweichende Haltungen moralisch verwerflich werden: Die eigene Position erscheint also als legitim und gut, die andere als problematisch, ja gefährlich. Oder wenn die Gegenseite nicht mehr als Gesprächspartner anerkannt wird: Ihre Motive gelten also als verdächtig oder eigennützig; Verständigung wird dadurch strukturell unwahrscheinlich. Polarisierung ist daher für Kumkar keine bloße Meinungsdifferenz, sondern eine soziale Grenzziehung, die durch Dichotomisierung, Moralisierung und/oder Delegitimierung erzeugt wird und Konflikte tribalistisch einkerbt.
Bei Polarisierung als Modus öffentlicher Kommunikation geht es also weniger um die Aussagen selbst, sondern darum, wer zu welchem Lager gehört. Es ist ein identitätsstiftender Modus; er wirkt loyalitätsproduzierend, aber auch konfliktverstärkend. Polarisierung kann daher breitenwirksam auch dann sein, wenn ihre soziale Basis eine schmale ist: Schon wenige, gut sichtbare Akteure können den öffentlichen Raum so prägen, dass eine verstärkte Spaltung empfunden wird. Für die Demokratie ist das nicht per se problematisch. Wenn aber Konflikte als existenziell und gegnerische Positionen als unverhandelbar gerahmt werden, drohen die Regeln der demokratischen Auseinandersetzung gebeugt zu werden. Hier wird denn auch deutlich, dass Kumkar Polarisierung nicht etwa in konträren Positionen bzw. deren Herausbildung sieht, sondern in einem kommunikativen Prozess, durch den sich eine Logik der Unvereinbarkeit etabliert.[6]
Schwächen der Konzeptualisierung
Die Konzeptualisierung ist nachvollziehbar. Als Makel haftet ihr jedoch an, dass ihr Verhältnis zu zentralen Konzepten der Polarisierungsforschung kaum diskutiert wird. Dadurch entsteht zuweilen der Eindruck, es würde das Rad neu erfunden. Denn manche der Beobachtungen werden dort länger schon verhandelt: als ein Baustein in Erklärungen für Polarisierung neben anderen. Die monierte Vorstellung einer zuständlichen Polarisierung ist zwar in der Öffentlichkeit und auch in akademischen Texten üblich, die das Thema streifen, nicht aber in der Kernforschung zu Polarisierung. Wie auch Mau et al. verzichtet Kumkar auf eine genauere Darstellung der Forschungsstränge, die zu den adressierten Problemen sprechen, auch wenn sie mit anderen Begriffen belegt sind. Das Problem etwa, dass politische Milieus andere Gruppen als (zu) extrem wahrnehmen und delegitimieren, beschäftigt sie ebenso wie die Frage, wann wir es mit tatsächlicher Polarisierung zu tun haben.[7]
Polarisierung wird da ebenso als prozessual und vielschichtig, mitunter ubiquitär verstanden: also nicht nur als Verschiebung im gesellschaftlichen Gefüge, sondern als etwas, das sich immer vollzieht. Die Frage ist: In Bezug auf was? Dass in (Teil-)Öffentlichkeiten bestimmte Themen polarisieren, ist ebenso Normalität, wie dass sich zwischen Gruppen (oder auch innerhalb dieser) polarisierte Verhältnisse entwickeln.[8] Polarisierung gilt auch dort nicht gleich als pathologisch, sondern hat mitunter eine produktive Funktion: Sie zwingt Gruppen, sich zu definieren, Konflikte zu artikulieren, Kompromisse auszuhandeln.[9] Entscheidend ist, in welcher Skalierung Polarisierung verläuft und wann sie destruktiv wirkt. Und wie auch in der Radikalisierungsforschung – wo eine Abnahme radikaler Einstellungen in der Gesellschaft nicht im Widerspruch steht zur Radikalisierung einzelner Individuen und Gruppen – schließt die Frage nach Polarisierung hier stets auch die nach Depolarisierung ein.[10]
Das Verhältnis von gefühlter und realer Polarisierung, wie es Mau et al. und – etwas anders – auch Kumkar verhandeln, ist jedenfalls ein zentraler Gegenstand der Polarisierungsforschung, wird dort begrifflich aber anders aufgelöst. Was nämlich den Genannten als »echte«, nicht nur gefühlte bzw. kommunizierte Polarisierung gilt, lässt sich auch als attitüdinale bzw. ideologische Polarisierung eingrenzen.[11] Für die einen macht (echte) Polarisierung zentral aus, wie weit die Bevölkerung mit ihren Einstellungen auseinanderliegt, wie es also um die common grounds bestellt ist; anderen ist das nur eine Ebene von Polarisierung. Dabei kann ein Verständnis davon vorausgesetzt werden, dass konfligierende Meinungen noch keine solche machen, und auch davon, dass Demokratie von Streit lebt.[12] Dass Polarisierung eine Logik der Unvereinbarkeit beinhaltet, ist also nichts Originelles. Kumkars Verdienst, deren Mechanismen auszuleuchten, soll das aber keineswegs schmälern
Zwischen ideologischer und politischer Polarisierung
Kumkar will also (wie Mau et al.) den Blick auf Polarisierung vertiefen, verliert darüber aber andere Bereiche des Phänomens aus den Augen. So mag die starke Orientierung an der Einstellungsebene samt der Botschaft, die Gesellschaft sei grundsätzlich gar nicht so gespalten, zwar bei einigen ein Aha-Erlebnis erzeugen,[13] sie verstellt aber den Blick auf die große Schaumkrone der Polarisierung. Denn natürlich ist diese real und auch ausgeprägt – und zwar in harten Zahlen feststellbar: In vielen Demokratien stehen die etablierten Parteien Rechtsaußenparteien gegenüber, die bereits für sich ein Lager bilden.[14] In Ostdeutschland drohen gar absolute Mehrheiten für die AfD – alles in Frontstellung zum Rest.[15] Im Bund mag das nicht so ausgeprägt sein, aber auch hier haben wir eine starke Feindschaft von gewichtigen politischen Milieus (insbesondere zwischen AfD- und Grünen-AnhängerInnen), die den Möglichkeitsraum parlamentarischer Politik verengt.[16]
Dass sich das auf der Einstellungsebene weniger polarisiert darstellt, macht die Polarisierung nicht wett und schon gar nicht zu einem Gefühl. Sie ist spätestens dann real, wenn sich Einstellungen (und Gefühle) in politische Ergebnisse übersetzen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt strapazieren. Dass es zu solchen Ergebnissen kommt trotz des Umstands, dass in vielen betroffenen Gesellschaften ein relativ breiter common ground auf der Einstellungsebene besteht, ist ja gerade ein zentrales Puzzle der Polarisierungsforschung.[17] Kumkar leistet zu dessen Lösung durchaus einen wichtigen Beitrag, indem er Polarisierung auch als kommunikativem Modus denkbar macht (und damit beiläufig den Widerspruch von gefühlter und realer Polarisierung auflöst).[18] Wie sich das aber genau in das Verhältnis von ideologischer Polarisierung einerseits und elektoraler bzw. politischer Polarisierung andererseits einfügt, diese Frage streift der Autor lediglich indirekt.
Dabei ließe sich Kumkars Ansatz zwischen diesen Ebenen gut einbauen. Was in diesem Bereich ebenso lagert, seinem Ansatz ähnlich, ist die Forschung zu affektiver bzw. kultureller Polarisierung. Auch hier finden sich, wie Kumkar nicht entgangen ist, Erklärungen, wie sich gar nicht mal so disparate Einstellungen in einen politischen Lagerkampf übersetzen.[19] Während dieser Blick aber auf eine kulturelle Dimension abstellt, nämlich darauf, wie die Sym- bzw. Antipathie für andere Milieus die konkrete Meinungsformierung prägt, diese also tribalistischen Dynamiken folgt, blickt Kumkar auf eine andere Dimension: nämlich wie polare Situationsdefinitionen die Ordnung der Politik tribalistisch formen – und so jene Dynamiken bedingen, über die Polarisierung handfest wird. Kulturelle und kommunikative Polarisierung können daher als komplementäre Dimensionen jenes Scharnierbereichs verstanden werden, über den sich ideologische in politische Polarisierung übersetzt – und vice versa.

Verortung der Kumkar’schen Konzeption: Die Grafik zeigt, wie verschiedene Polarisierungsebenen zusammenwirken und wo Kumkars Ansatz verortet werden kann. Ideologische Polarisierung bildet die substantielle Basis, politische Polarisierung den institutionellen Überbau. Die relationale Ebene dazwischen hat eine Scharnierfunktion und teilt sich in mindestens zwei Dimensionen: Kulturelle Dynamiken erklären, wie sozio-politische Identitäten eine affektive Meinungsformierung prägen; kommunikative Dynamiken erklären, warum (Teil-)Öffentlichkeiten Meinungsdifferenzen als unüberbrückbar empfinden. Beide Dimensionen prägen elektorale Entscheidungen, die politische Polarisierung erzeugen können, und wirken auf die attitüdinale Ebene zurück.
Anwendungsbeispiel zum Abschluss
Wenn falsche Schlüsse für die Praxis vermieden werden sollen, ist ein holistisches Verständnis von Polarisierung unerlässlich. Zumal das Reden über Spaltung selbst Einfluss auf diese hat. Etwaige Fallstricke lassen sich aufzeigen an einem zentralen Thema der Polarisierungsdebatte: die Rolle der AfD im politischen Streit. Dieser attestiert Kumkar eine strategische Nutzung polarisierender Kommunikation: Indem die Partei den Eindruck einer tief gespaltenen Gesellschaft vermittle, verstärke sie die Wahrnehmung von Konfliktlinien, ohne dass eine solche auf der Einstellungsebene objektiv vorliegen muss. In Kumkars Darstellung wirkt die AfD damit als treibende Kraft hinter einer Polarisierung in ihrem Sinne. Und er schlussfolgert sogar: »Wir sollten uns trauen zu polarisieren. Sonst tun es die anderen.«[20] Aber ist das wirklich so? Mangelt es bei dem »Wir«, das sich – in Abgrenzung zur AfD – gerne »die Demokraten« nennt, denn an Mut zur »richtigen« Spaltung?
Es lässt sich ja durchaus anführen, dass sich die linke Seite des politischen Spektrums mehr von der Mitte entfernt hat als die rechte.[21] Und auch, dass sie andere Meinungen stark abwertet.[22] Konkret beim Thema Migration etwa, dem AfD-Zugpferd, sind die Einstellungen ja deswegen relativ ungespalten, weil die große Mehrheit eine Revision der Migrationspolitik wünscht. Es sind linke Akteure, die hier harte Grenzen ziehen, einschließlich Dichotomisierung, Moralisierung, Delegitimierung. Das mag man normativ »richtig« finden, ist aber kommunikative Polarisierung. Und sie hat den Effekt, dass viele den Anschluss nach links verlieren. Mehr noch: Es bildet sich auch deswegen der common ground nicht in der Politik ab. Denn auch die politischen RepräsentantInnen sind, zumindest in kulturellen Fragen, indessen linker bzw. liberaler als die WählerInnen.[23] Das erzeugt ebenso Polarität. Wenn nämlich die Politik vermittelt, geläufige Meinungen seien nicht vertretbar, dann nährt das ein »Wir gegen die da oben«.
Es gibt also ein vertikales Moment von Polarisierung: nämlich, wenn die Einstellungen an der Basis gar nicht so gespalten sind, der Überbau sich aber konträr dazu verhält. Zumal hier auch Klassenaspekte zum Tragen kommen, die sich in Form kultureller Affekte in politischen Lagerkampf übersetzen. Denn der elektorale Rechtsruck korreliert weniger mit einer Zunahme rechtsextremer Einstellungen als mit Verwerfungen zwischen sozialen Milieus.[24] Die Repräsentationskrise, die von rechts genutzt wird, hat eben auch damit zu tun, dass das linke Lager viele ArbeiterInnen verloren hat.[25] Diese vertikale Ausprägung von Polarisierung ist aber öffentlich kaum Thema; allenfalls wird sie als Kulturkampf von rechts gedeutet. Sie entsteht also keineswegs, weil sie herbeigeredet wird. Vielmehr wird sie verdrängt, so dass ihre Ursachen unbehandelt bleiben. Kommunikative Polarisierung ist eben auch das, worüber wir nicht reden, wenn wir über Polarisierung reden. Auch so ließe sich Kumkar (an-)wenden.
Holger Marcks ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena und Non-Resident Research Fellow am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Uni Hamburg. Bei MATR fungiert er als wissenschaftlicher Redakteur.
Fußnoten
[1] Siehe exemplarisch Till Schmidt, »Polarisiert sind immer die anderen. Buch zur Polarisierung der Gesellschaft«, in: taz, 6. Sept. 2025, online hier.
[2] Vgl. dazu grundlegend Karl Popper, Logik der Forschung. Zur Erkenntnistheorie der modernen Naturwissenschaft (Wien: Julius Springer, 1934); sowie Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie (Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1984).
[3] Steffen Mau, Thomas Lux & Linus Westheuser, Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft (Berlin: Suhrkamp, 2023).
[4] Vgl. Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 1 (Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1997), Kapitel 1.
[5] Vgl. dazu »Umfrage: Gesellschaft weniger gespalten als es viele empfinden«, in: Welt, 4. Nov. 2025, online hier.
[6] Man könnte hier kritisch anmerken, dass Kumkar den Polarisierungsbegriff zu etwas wendet, das in der Konfliktsoziologie ohnehin als gesetzt gilt: dass Konflikte nicht primär aus Positionen, sondern aus Interaktionen, Zuschreibungen und Diskurspraktiken entstehen. Vgl. dazu Johan Galtung, Peace by Peaceful Means. Peace and Conflict, Development and Civilization (London: Sage Publications, 1996); Morton Deutsch, The Resolution of Conflict. Constructive and Destructive Processes (New Haven: Yale University Press, 1973); sowie Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns. Band 1: Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung (Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1981).
[7] Siehe z.B. Morris P. Fiorina, Samuel J. Abrams & Jeremy C. Pope, Culture War? The Myth of a Polarized America (New York: Pearson Longman, 2005); Marc J. Hetherington & Jonathan D. Weiler, Authoritarianism and Polarization in American Politics (Cambridge: Cambridge University Press, 2009); Paul DiMaggio, John Evans & Bethany Bryson, »Have Americans’ Social Attitudes Become More Polarized?«, in: American Journal of Sociology, Nr. 3, Jg. 102 (1996), S. 690–755; sowie Levi Boxell, Matthew Gentzkow & Jesse M. Shapiro, »Greater Internet Use Is Not Associated with Faster Growth in Political Polarization among US Demographic Groups«, in: PNAS, Nr. 40, Jg. 114 (2017), S. 10612–10617.
[8] Siehe Cass R. Sunstein, Going to Extremes. How Like Minds Unite and Divide (Oxford: Oxford University Press, 2009); sowie DiMaggio, Evans & Bryson, »Americans’ Social Attitudes«.
[9] Siehe dazu aus dem Bereich der Demokratietheorie: Arend Lijphart, Patterns of Democracy. Government Forms and Performance in Thirty-Six Countries (New Haven: Yale University Press, 1999); aus der Kommunikations- und Konfliktforschung: Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns; Galtung, Peace; sowie aus der politischen Soziologie: Sunstein, Going to Extremes; Diana C. Mutz, »The Consequences of Cross-Cutting Networks for Political Participation«, in: American Journal of Political Science, Nr. 4, Jg. 46 (2002), S. 838–855.
[10] Siehe z.B. Shanto Iyengar & Sean J. Westwood, »Fear and Loathing Across Party Lines. New Evidence on Group Polarization«, in: Political Psychology, Nr. 4, Jg. 36 (2015), S. 551–569.; vgl. dazu auch Alex P. Schmid, Radicalisation, De-Radicalisation, Counter-Radicalisation. A Conceptual Discussion and Literature Review, International Centre for Counter-Terrorism, Research Paper Nr. 1 (2013); sowie Peter R. Neumann, »The Trouble with Radicalization«, in: International Affairs, Nr. 4, Jg. 89 (2013), S. 873–893.
[11] Siehe z.B. DiMaggio, Evans & Bryson, »Americans’ Social Attitudes«; sowie Matthew S. Levendusky, The Partisan Sort. How Liberals Became Democrats and Conservatives Became Republicans (Chicago: University of Chicago Press, 2009).
[12] Diese Grundannahme ist quasi allen oben angeführten Texten eigen. Siehe dazu auch grundlegend Robert A. Dahl, Polyarchy. Participation and Opposition (New Haven: Yale University Press, 1971).
[13] Siehe exemplarisch Steffen Mau & Stephanie Rohde, »Triggerpunkte. Der Mythos der polarisierten Gesellschaft«, auf: Deutschlandfunk Kultur, 10. Dez. 2023, online hier; sowie Martina Kix & Sophia Schirmer, »Soziologe Kumkar über Streitkultur: ‘Wir sollten uns trauen zu polarisieren. Sonst tun es die anderen’«, in: Spiegel, 16. Aug. 2025, online hier.
[14] Der Rassemblement National in Frankreich stand zuletzt stabil bei über 35+ Prozent in den Umfragen; die FPÖ in Österreich ebenso; auch die Reform Party in Großbritannien mischt die Parteienlandschaft auf, steht bei 30+ Prozent; wobei in all diesen Ländern der Polarisierungsgrad lokal und regional nochmal besonders stark ausfällt. Von den USA, wo das Parteiensystem ohnehin polar ausgerichtet ist, gar nicht erst zu reden.
[15] Trotz Brandmauerpolitik steht die AfD in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern bei (annähernd) 40 Prozent, mit Aussicht auf absolute Mehrheiten.
[16] Gerade zwischen bestimmten politischen Milieus besteht eine starke Polarisierung. So zeigen verschiedene Erhebungen regelmäßig eine besondere Ablehnung zwischen AfD-WählerInnen einerseits und Wählern der Grünen wie auch der Linkspartei andererseits; siehe z.B. hier.
[17] Siehe z.B. Russell J. Dalton, Citizen Politics. Public Opinion and Political Parties in Advanced Industrial Democracies (Washington, DC: CQ Press, 2008); Joshua Westfall, Dolores Albarracín & Richard E. Pomerantz, »False Consensus and Attitude Polarization. Do Attitudes Affect Perceptions of Consensus?«, in: Journal of Experimental Social Psychology, Nr. 4, Jg. 44 (2008), S. 857–864; Kathleen M. McGraw, Samuel L. Popkin & James M. Glaser, »The Political Consequences of Negative Campaigning. A Citizen’s Response to Attack Politics«, in: Political Behavior, Nr. 4, Jg. 18 (1996), S. 317–338; sowie zum Problem, dass politische Gegner tendenziell schlimmer eingeschätzt werden, als sie sind Lilliana Mason, Uncivil Agreement. How Politics Became Our Identity (Chicago: University of Chicago Press, 2018).
[18] Man könnte hier mit dem Thomas-Theorem sagen: »Wenn Menschen Situationen als wirklich definieren, sind diese in ihren Konsequenzen wirklich.«
[19] Siehe dazu insbes. Petter Törnberg, »How Digital Media Drive Affective Polarization through Partisan Sorting«, in: PNAS, Nr. 42, Jg. 119 (2022), e2207159119.
[20] Zitiert bei: Kix & Schirmer, »Soziologe Kumkar«.
[21] Siehe z.B. für den US-Kontext David Jack Young et al., »A New Measure of Issue Polarization Using K-Means Clustering. US Trends 1988–2024 and Predictors of Polarization Across the World«, in: R Soc Open Sci., Nr. 2, Jg. 13 (2026), 251428.
[22] Siehe z.B. Maik Herold et al., Polarisierung in Deutschland und Europa. Eine Studie zu gesellschaftlichen Spaltungstendenzen in zehn europäischen Ländern (Dresden: MIDEM, 2023), online abrufbar hier; vgl. auch Nils Teichler et al., Entkoppelte Lebenswelten? Soziale Beziehungen und gesellschaftlicher Zusammenhalt in Deutschland. Erster Zusammenhaltsbericht des FGZ (Bremen: Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt, 2023), online abrufbar hier.
[23] Siehe Laurenz Guenther, »Political Representation Gaps and Populism«, auf: SSRN, 16. Mai 2024, http://dx.doi.org/10.2139/ssrn.4230288.
[24] Siehe z.B. Nikolas Dietze, »Lokale Repräsentationsspezifika der AfD im Vergleich. Klassenfragen im Kontext der sachsen-anhaltinischen Kommunalwahl 2024«, in: ZRex – Zeitschrift für Rechtsextremismusforschung, Nr. 2 (2025), S. 163–179; sowie Koen Damhuis & Linus Westheuser, »Cleavage Politics in Ordinary Reasoning. How Common Sense Divides«, in: European Societies, Nr. 4, Jg. 26 (2024), S. 1195–1231.
[25] Zum Zusammenhang zwischen der sozialen Repräsentationskrise der Linken und der politischen Repräsentationskrise des Systems siehe generell Holger Marcks & Felix Zimmermann, Zurück nach vorn. Ein sozialrepublikanisches Panorama, 3 Bde. (Aschaffenburg: Alibri, 2025).